Ich hatte es von Anfang an auf diesen Hahn abgesehen. Ich war schuld. Ich sah, was für ein blöder Typ er war. Sein Äußeres: im Wesentlichen weiß, an manchen Stellen spielte allerdings etwas Braun in sein Federkleid. Die stolze Haltung des Kopfes, der sich ruckartig bewegte, wie bei seinen Untergebenen auch. Sein Auftrumpfen, wenn eine Gefahr vorlag. Eine Gefahr, die ihn höchstselbst forderte. Sicher nicht eine seiner blöden Hennen, die sich vom Marder holen ließen, wenn er, der Hahn, höchster aller Herrscher, sie nicht persönlich schützte. Er war der Ludwig dieses Hühnerhofs, und ich war nur ein kleiner Junge von nicht einmal sechs Jahren. Doch wir haßten uns bereits, als noch niemand wissen konnte, was dann geschah.
Er spreizte sich und stolzierte durch die Landschaft dieses begrenzten Territoriums, das seine Ladies und er bewohnten. Er war schön und sich dessen bewußt. In irgendeiner Ecke lag der alte Wehrmachtshelm vom Großvater. Ein Stahlhelm taugt zu nichts mehr, wenn ein Krieg vorbei ist. Allenfalls noch dazu, den Hühnern zu dienen. Er, der Bauer, war nach russischer Gefangenschaft aus dem Krieg zurückgekehrt. Sein Stahlhelm wurde zum Wassereimer für die Hühner. Diese Zweckentfremdung war seine Stellungnahme zu all dem, was geschehen war. Doch um den Wasserhelm geht es nicht. Vielmehr darum:
Ich erspähe den Hahn, diesen persönlichen Feind – allein seiner Angeberei wegen. Ich bin ein Indianer, ich habe einen halbwegs guten Bogen und ein paar Pfeile im Köcher. Ich lege an und lasse den Pfeil los. Er trifft den blöden Hahn, der in die Höhe springt und schreit. Nun erblickt er mich und wird zornig. Das habe ich insgeheim ersehnt – und befürchtet. Ich nehme die Beine in die Hand. Ich bin noch klein, vielleicht fünf Jahre alt oder sechs. Der Hahn verfolgt mich, gereizt bis aufs Blut. Das kann er nicht dulden, und ich weiß, daß ich ihn nicht hätte beschießen sollen. Immerhin bewacht er all die Hühner, die uns die Eier legen, die wir zum Frühstück essen und benötigen für vielerlei sonst. Ich stehe schlecht da, ich muß rennen.
Rettend steht dort ein Auto. Mein Vater wäscht es. Wassereimer, Schlauch, etwas Seife vielleicht. Der Nachbar ist auch da. Sie tauschen sich aus, wie man ein Auto am besten wäscht, oder reden über Getreidepreise. Sie kümmern sich nicht um mich und wissen nichts von meiner Tat. Ich stürme auf sie zu. Der Hahn hinter mir her. Ich umkurve das Auto, der Hahn hinter mir her. Mein Vater lacht, der Nachbar lacht. Sie lachen so sehr, daß sie kaum mehr Luft bekommen. Sie werden rot vor Lachen und krümmen sich. Was für ein Spektakel. Während ich um mein Leben renne, sehe ich ein, daß sie recht haben.
Nach drei Runden Autoumkreisung gibt der Hahn auf. Er kräht, er protestiert, er zieht ab in Richtung Hühnerhof, wo sein Reich liegt. Ein paar Monate später hat mein Vater ihm mit dem Beil den Kopf abgeschlagen. Nicht aus Rache, sondern weil er an der Reihe war. Er flog ohne Kopf durch den Raum und verspritzte mit seinem Blut, das aus dem Hals schoß wie eine Fontäne, die Fenster der Waschküche, wie wir den Raum nannten, der weder Wohnhaus noch Stall war. Endlich sank er zu Boden, dieser stolze Idiot. Der Kopf lag ja schon dort. Später erst lernte ich, wie Könige enden. Die Vorschule des Verstehens hatte ich bereits durchlaufen.
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