Stimmt die Stimme? Was besagt stimmen? Doch wohl, daß das eine zum anderen paßt. Stimmt etwas, besteht Übereinstimmung von Laut und Bedeutung, Ausdruck und Inhalt, Geste und Absicht, Form und Inhalt, Sprache und Welt, Äußerung und Situation. Wenn es nicht paßt, dann stimmt etwas nicht, ist nicht stimmig. Das ist zu hören, zu spüren, zu bedenken. Jemand sagt kluge Sätze, und doch stimmt etwas nicht. Was macht denn diese klugen Aussagen falsch? Ist der Anspruch eine Nuance übersteigert, verhebt sich da jemand, stürzt er gleich ab? Sprechen ist riskant. Man könnte zu laut sein oder zu dumm. Jeder weiß, wie ein verstimmtes Instrument klingt: schräg, schief, schrecklich. Das Stimmen ist bitter nötig. Wer sich nicht stimmt, grenzt sich aus. (Man kann auch das wollen, doch auf eigene Gefahr.)
Zu all dem das Gegenteil: eine zu stimmige Stimme. Eingeübt einschmeichelnd, verführerisch, professionell. Harmonie mißverstanden, falsche Lektion. Nicht schade, eher eklig. Da schauspielert sich einer durch die Welt und lügt. Lügen haben kurze Beine. Der Schmeichler fliegt auf. Er hat nichts zu bieten außer süßen Worten. Stimmlage Schmalz plus „Erfahrung“. Doppelt eklig. Andere säuseln sich durch oder reisen in Betroffenheit. Ich nenne keine Moderatoren, weil sie sich dem Leser selbst aufrufen. Es ist die Aufgabe des Moderators, zu moderieren, nicht aber, zu schauspielern. Zum Beispiel Entrüstung oder Empörung oder Mißbehagen. Diese Spannungslagen benötigen Authentizität. Vor der Kamera kann niemand authentisch sein. Doch das wird sich ändern. Die Leute, die ich seit fünf Jahren bestaune, können sogar in der Untergrundbahn telephonieren, lang und ausgiebig, privat, ja intim. Sie scheuen sich nicht, sie sprechen, als seien sie zuhause, als säße neben ihnen ihre Katze und gegenüber stünde ein Blumentopf und ich wäre das Bild an der Wand mit dem Titel Ohne Titel. Das stört sie nicht. Das stört sie nicht.
Auch wir stören sie nicht. Wir, die wir in der Bahn sitzen und all das brav mitanhören. Diese annoncierte und endlich besichtigte Mietwohnung zu diesem stattlichen Preis ja oder nein, gelb oder rot, mit oder ohne ihn, heute noch Party oder erst morgen, Kita hier oder dort, Kottbusser Tor oder Schönleinstraße. Immer beides, ihr Idioten, immer alles auf einmal, immer alles zugleich, der eine Fuß am Kotti, der andere bereits Schönleinstraße, bekannt durch das Schlawinchen, ihr macht mich wahnsinnig. Stimmt das? Ja, das stimmt. Hilft das? Nein, das hilft nicht. Gellt mir in den Ohren mit diesem Blödsinn, diesem Ausguß von Lebensbewältigung. Ich kann nicht mehr. Zweifellos sind diese Leute „authentisch“, doch ob sie echt sind, weiß ich nicht. Lob des Fremdworts.
Ich möchte wieder Stimmen hören. Darf ich Stimmen hören, die so klingen, als wüßten sie ein klein wenig mehr? Fast schon kläglich dieses dumme Nachtgebet zu Zeiten sich ausbreitender Taubheit, derzufolge es gestattet ist, seine akustische Notdurft in aller Öffentlichkeit zu verrichten. Mit lauter Stimme, munter zu, ohne Rücksicht auf Verluste. Das offenbar komplett verödete, jedenfalls autistische Ich schiebt sich stimmlich nach vorn. Besser im Präteritum: Das Ich schob sich stimmlich nach vorn. Wir quittierten die Angelegenheit und stiegen aus, verkehrten nicht mehr, waren verschollen, fanden neu. Und ab ins Futur II.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.