Zwei Seiten der Wörter

Wenn einem kein Buch zusagt, man aber gerne eines lesen möchte, muß man es sich selbst schreiben. Das ist eine sehr gute Motivation. Eine bessere als diejenige, die ich eben in einem Interview mit einem Bestsellerautor hörte: Er denke beim Schreiben an den Leser und auch bereits an die Hörbuchfassung seines Romans. Ich frage mich, wie er das hinbekommen möchte: sich seine Leser vorzustellen. Andererseits ist die Bestsellerleserschaft ausrechenbarer als die der feiner gearbeiteten Literatur. Sie möchte unterhalten werden, und es ist ihr gutes Recht, das vom Produzenten zu erwarten. Das Lesepublikum mag Spannung und Humor, es benötigt Helden und eine Bestätigung der sogenannten Grundwerte. Es mag gut gekitzelt werden, auch an Stellen, über die man nicht mit dem Lehrer oder Pfarrer spricht. Es neigt zu Perversionen – des schönen Guten (Kitsch) wie des pittoresk Bösen (Gewalt und Sadismus im Kriminalroman, siehe Stieg Larsson). Mal läßt es sich auf Harmlosigkeit ein, mal in Grausamkeit ausbilden. Jedenfalls folgt es der angeborenen Neugier. Wenn es auf der Straße knallt, rennen alle zur Tür. Kommt die Polizei, bleiben die Passanten stehen und gaffen. Man darf nichts verpassen. Als Autor Sensationen schaffen, das ist der ganze Trick. Für den Olymp reicht das nicht, aber für das Konto. So gesehen sind die anderen Künstler sonderbare Gestalten. Leute, die gleichsam freiwillig fasten und verzichten, statt endlich angemessen fett zu werden und sich den Ring küssen zu lassen. Sie könnten doch, warum können sie nicht? Wenn einem kein Buch zusagt, muß man sich selbst eines schreiben.


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