Oft ärgere ich mich über mich selbst, auch über Eintragungen. Ich habe jedoch keine einzige entfernt, auch wenn ich sie am Tag danach fragwürdig fand oder sie mir fremd geworden ist innerhalb kürzester Zeit. Das hat zwei Gründe: Texte und Tage sind Blog-Seiten. Blog ist eine Abkürzung für Weblog, ein Logbuch im Internet. Logbücher sind Fahrtprotokolle, die in regelmäßigen Abständen aktualisiert werden: Sie dokumentieren Kurs, Geschwindigkeit, Abdrift, Windstärke, Witterung, besondere Vorkommnisse während einer Überfahrt usw. Geht während einer Wache ein Mann über Bord oder läßt sich der Erste Offizier vorschriftswidrig während der Dienstzeit vollaufen, muß das festgehalten und kann nicht nachträglich, weil es dem Kapitän nicht paßt oder seinem Ansehen schadet, aus den Seiten gestrichen werden. Es widerspräche dem Logbuchwesen, hier solches zu tun. Als Kapitän meines Schiffes habe ich bereits genug Kontrolle. Ich allein führe die Feder. Zweitens möchte ich nicht, daß hier alles gut ist oder nur so scheint. Es soll auf meinem Schiff auch ungerecht zugehen. Nicht zu oft, aber doch hin und wieder. Das Schiff wird kommandiert und manövriert, und dabei werden Fehler gemacht. Wir navigieren nach den Sternen. Sternschnuppen lenken uns ab. Zuweilen wird gemeutert, mindestens gemurrt. Manche wären sicher liebend gern woanders. Dann wieder leisten wir einiges und feiern, und niemand möchte gehen. Als Kapitän sehe ich meine Aufgabe darin, diese erste Passage gut zu überstehen. Ihre Dauer läßt sich nicht bestimmen, da wir zuweilen Signale empfangen, die eine Kursänderung erzwingen. Der nächste Hafen ist Marseille.
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