Lord Huron haben ein neues Album veröffentlicht. Strange Trails ist am 6. April erschienen. Die Freude ist groß. Eine altbekannte Freude, die ich früher öfter empfunden habe, die jetzt aber wieder da ist. Vergleichbar der Freude, wenn alte Freunde sich wieder melden. Man braucht sie, wartet auf Lebenszeichen. In diesem Fall eine einseitige Freundschaft, denn ich habe Lord Huron nichts zu bieten außer unverständlichen Wörtern. Und doch sind die Musiker und einige Dichter stets Freunde gewesen. Sie ließen mich leben, könnte das pathetisch heißen. Und warum nicht einmal feierlich werden! Sie ernährten mich doch, machten mir Hoffnung und gaben Nachricht, daß da draußen in der weiten Welt Leute waren, die etwas wußten und bemerkten. Ansonsten sah ich mich leider umzingelt von halb Schwachsinnigen. Vielleicht ließ ich mich auch blenden und erkannte hinter dem Falschen nicht das ewig Echte. Warum dann aber dieses permanente Abfälschen wahrer Geschichten ins Lügenformat? Ich verstehe es noch immer nicht. Irgendwo müssen doch wahre Menschen stecken und wahre Äußerungen ihres Wissens und Spürens tun, bangte ich.
Lord Huron sind neue Freunde. In der Musik spielt sich ein Lebensgefühl aus. Ich beginne zu vertrauen und höre andächtig zu, teile Freude und Schmerz. Lord Huron sind gerne in Bewegung. Das gefällt mir. Etwas Hüpfendes in vielen Stücken, als hätte sie eine Heiterkeit voll erwischt. Daß das Leben eine Lust ist. Ob das „große Musik“ ist, interessiert mich gar nicht. Sie hilft mir, sie läßt auch mich jubeln. Vierzehn neue Songs, mehr nicht. Die Botschaft ist angekommen. Am Landwehrkanal vorgestern das Gespräch über das Schreiben und das Lesen. Da fiel mir auf, daß mich das Höhemessen und der zugeteilte Rang von Literatur gar nicht beschäftigen. Ich sehe in Kunstwerken Nachrichten, die so gut abgefaßt sind, wie es Menschen möglich ist. Ich bekomme das Beste von jedem, an mir liegt es, meine Freunde zu wählen.
An dieser Stelle die Frage nach den alten Freunden in den Künsten. Sofern sie noch zurechnungsfähig sind, empfange ich ihre Nachrichten und bezahle auch dafür. Einige mußte ich lassen. Unsere Wege paßten nicht mehr. Einge trudeln auf Kreisbahnen der eigenen Wiederverwertung und beliefern ein mit ihnen gealtertes Publikum, das Neues nicht mehr unterzubringen vermag und am liebsten die alten Sachen hören möchte. Es sich gemütlich machen in Nostalgie (gefälschter Vergangenheit). Dieses Leonard-Cohen-Konzert in der widerlichen Telephon-Arena, um uns diese fast schon sympathisch-harmlosen Leonard-Cohen-Fans mit ihren Nostalgie-Augen. Ihn noch einmal sehen. Ihn, ihren Lagerfeuerbegleiter damals, als man sich noch auf die Erde setzte. Der alte Mann auf der Bühne bediente sie sehr ausführlich und gab für sie den Entertainer, dankte, zeigte sich demütig, buddhistisch, altersmild. Die Aufregung lohnt ja nicht, die Leute sind eigentlich gut, tun auch nichts Böses. Da kann man sie doch mit etwas Glück versorgen. Hinter der Bühne ein müdes Lächeln nach drei Stunden konzentrierter Vorstellung. Vielleicht liebt er sein Publikum, so wie es ist. Er kann das. Wir aber wollten nur raus aus diesem sentimentalen Kongreß.
Das Leben ist nicht sentimental, doch es gestattet Gefühligkeit. Das Risiko besteht in Gegenwartsschwächung. Früher besser als heute? Ich bestreite das vehement. Man muß sein Gedächtnis halbieren, um solches zu sagen, auch nur zu fühlen. Man darf auch geistig ein bißchen auf sich achtgeben. Ein Gutes zur Gegenwart: Ich verkehre kaum noch mit halb Schwachsinnigen, fühle mich auch nicht mehr umzingelt. Ein Hoch auf diesen zunehmenden Gewinn an Gegenwärtigkeit und ein freundliches Nicken hinüber nach Kalifornien.
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