Vermenschlichung vermeiden

Eine Spinne turnt an der Schreibtischlampe. Ihre Vorführungen sind eindrucksvoll. Hochziehen, Hangeln, Abseilen, Totstellen. Die langen feinen Beine, der leichte Körper, nur die Ahnung eines Kopfes. Schreibe ich dies über die Turnerin, ist sie fort. Ich suche die Wand empor. Weiter oben sitzt eine zweite, noch feinere. Sie besichtigt Heinrich Vogeler, DIR. Weiter zu Marina Zwetajewa, Irdische Zeichen. Genug gelesen, nun wieder abwärts zu den Realien: Glas, Vase, Kerze, Bilderrahmen. Notiere ich dies, ist auch sie fort. Ich suche weitere Spinnen, sie sollen mich heute nacht führen hinter den Sinn. Unser Biologielehrer bat uns, bei der Suche nach Lösungen biologischer Probleme nicht anthropomorph vorzugehen. Ich wollte mich dessen keineswegs schuldig machen. Ich weiß, daß Spinnen weder besichtigen noch lesen. Und doch hat mir die Vorstellung sehr gefallen. Auch empfand ich die erste Spinne tatsächlich als Artistin. Wie sie mich einordnen, wüßte ich ebenfalls gern. Immerhin lasse ich sie alle leben, die Nichtmenschen in meinen Räumen. Ich bin ihr Herbergsvater, ein Gönner, ein Mäzen. Man könnte sagen, ich züchte Spinnen. Doch klingt mir das übertrieben. Von Züchtung habe ich nicht die geringste Ahnung. Kaum ein Gebiet menschlichen Ehrgeizes ist mir verschlossener. Nein, ich lasse sie schlicht gewähren, bewundere ihre Netze und klebrig-staubigen Stränge, die der Luftfischerei dienen. Kommt jedoch ein Besichtigungskommando, sauge ich sie weg. Spinnen sind nicht populär, die Luftfischerei wird geahndet. Manchmal wäre ich gerne wie sie, nur ein weniges schwerer als Luft. (Die fetten Spinnen oder diejenigen mit behaarten Beinen möchte ich mit diesem Text nicht diskriminieren. Sie werden eines späteren Tages berücksichtigt und gewürdigt. Im vorletzten Sommer hing die mit dem Kreuz auf dem Leib hinter mir im Garten, während ich las oder schrieb. Als ich mich damals umdrehte und sie erblickte, staunte ich nicht schlecht. Sie hing dort wie ein Omen.)


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