Eigenartiger Traum: Mir wurde dreimal befohlen (nahe gelegt), Gogol zu lesen. Jemand hielt mir Die toten Seelen unter die Nase. Ein Fremder, männlich, Anzugträger. Wir standen bei einem Grillfest auf einer Terrasse, hinter mir die gläserne Schiebetür. Das zweite Mal lief ich durch einen Park, er kam mir entgegen. Als wir auf einer Höhe waren, zeigte er mir erneut das Exemplar. Die dritte Begegnung ist mir entfallen, doch es gab sie. Warum ausgerechnet Nikolai Wassiljewitsch Gogol?
Die Erzählung Der Jahrmarkt von Sorotschinzy beginnt so: „Wie berauschend, wie üppig ist ein Sommertag in der Ukraine! Wie heiß und beklommen sind die Stunden, wenn der Mittag in lautloser Glut funkelt und der blaue, unermeßliche Ozean, der sich als wollüstige Kuppel über der Erde wölbt, eingeschlafen ist und ganz versunken in trunkene Wonne, die Schöne mit luftigen Armen umfängt und an sich preßt!“ Da wird großzügig aufgetischt, das gefällt mir. Dem Leser soll es munden. Ein achtzehnjähriges Mädchen fährt zum ersten Mal in ihrem Leben auf den Jahrmarkt. „Keiner der Vorübergehenden konnte ahnen, was es sie gekostet hatte, den Vater zu bewegen, daß er sie mitnahm.“
Die toten Seelen handelt von Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, einem Emporkömmling, der Gutsbesitzern ihre verstorbenen Leibeigenen für einen geringen Betrag abkauft, um mit deren „Revisionsseelen“ Spekulationsgeschäfte zu machen. Bis zur nächsten großen staatlichen Revision müssen die Gutsherren nämlich für diese Verstorbenen Steuern entrichten. Der verruchte Held der Geschichte kauft ihnen diese Steuerschulden kurzerhand ab, um sie zu beleihen. Der Handel mit Toten ist eine gute kapitalistische Geschäftsidee. War das die Botschaft des Fremden im Traum?
Das Poem, wie der hochfahrende Gogol sein Werk nannte, sollte aus drei Teilen bestehen: Hölle, Purgatorium, Paradies. Den zweiten Teil vernichtete er in einem Anfall religiösen Wahns (ein Prophet schreibt keine Romane), schrieb ihn dann neu. Er blieb bruchstückhaft. „Paradies“, das einen geläuterten Tschitschikow präsentieren sollte, wurde nie realisiert. Mit Gogol nahm es kein gutes Ende. Er wurde psychotisch, irrte durch die europäischen Kurorte, um sich heilen zu lassen, wallfahrtete nach Jerusalem und starb mit 42 an den Folgen religiösen Fastens.
Auf dem Land sind die Leute zurückgeblieben, in der Stadt brüsten sie sich mit Klatschgeschichten und sogenannten Sensationen. Der totale Leerbetrieb menschlicher Geschäftigkeit. Wie soll man das ertragen? Kritik an den besitzenden Schichten, Aufdeckung ihrer unsinnigen Antriebe und nichtigen Machenschaften, Hinwendung zu Religion und vertieftem Glauben. Bedroht vom Unheil der eigenen Seele – paranoide Schizophrenie: innere Stimmen, Erscheinungen, Befehle. Das Dämonische bricht sich Bahn. Gogol konnte nicht fliehen, auch nicht in Gott. Irrt seine Seele nun wie einst sein lebendiger Leichnam durch die Gegend und setzt sich in wildfremde Träume? Ich bin kein Kurort, lieber Nikolai Wassiljewitsch, du selbst mußt dich heilen.
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