Von Schneider zu Marquardt. Eine Frage

„Zehn Seiten“: Autorin oder Autor liest aus neuem Buch, Aufnahme in Schwarzweiß, Kamera fest auf dem Stativ, Tischplatte, Oberkörper und Kopf, manchmal ein Glas Wasser, jedesmal die Stimme, die vorliest. So lerne ich schreibende Menschen kennen. Eben begegnet mir dort Peter Schneider, der aus seinem Berlin-Buch An der Schönheit kann’s nicht liegen liest. Sein Sohn wohnt in Neukölln in einer Dachwohnung, er selbst geht mit Freundin und Bekannten ins Berghain. Um nicht abgewiesen zu werden, hat er sich und die Seinen vorsichtshalber auf die Gästeliste setzen lassen. Dennoch stellen sie sich an, um die Erfahrung des Wartens in der Schlange zu machen und das Publikum, das dort ansteht und Einlaß in den Tempel begehrt, zu studieren. Er beschreibt und bedenkt die Selektion. Sven Marquardt als Wächter. Der ist, anders als Schneider glaubt, nicht deshalb ein wenig legendär, weil er dort Stunde um Stunde steht und bange Erwartung in Gewißheit überführt, sondern weil er Photograph, Dokumentarist der Ostberliner Subkultur und Stilikone ist. Seine berühmten Portraits weisen ihn als ironisch-melancholischen Humoristen aus. Auch von ihm gibt es, neben Photobänden, ein autobiographisches Buchstabenbuch. Die Nacht ist Leben. In dem blättere ich jetzt, Leseprobe, und sehe sogleich: „… und ich liebe die Melancholie.“ Marquardt spricht über Abschiede und die Schwierigkeiten des Abschiednehmens. Abschiede sind das Melancholischste, doch machen sie ihn zuweilen zynisch, da in ihnen das Schöne und das Häßliche miteinander ringen. Dem Buch beigegeben ist ein Motto vom Großmeister Aleister „Tu was du willst“ Crowley: „Gleiche jeden Gedanken durch seinen genauen Gegensatz aus, denn die Vermählung dieser beiden ist die Vernichtung der Illusion.“ Dieser Gedanke ist mir bekannt. Ein guter Trick auch, wenn es um Gefühle geht. Rufe zu jedem Gefühl das Gegengefühl auf. Nicht einverstanden bin ich mit der häßlichen Seite des Abschieds. Es gibt eine schmerzvolle Seite, aber keine häßliche. Rufe den Gegengedanken auf: Jemand bliebe für immer und wäre stets um dich, anhänglich und treu wie ein Hund. Wärst du dem gewachsen?


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Von Schneider zu Marquardt. Eine Frage

2 Gedanken zu „Von Schneider zu Marquardt. Eine Frage“

  1. Hartmut schreibt:

    Geht es bei der „Hässlichkeit“ des Abschieds vielleicht nur um das Wort? Falls der Abschied eine Störung der Harmonie und der schönen und guten Ordnung des Kosmos darstellte, könnte man ihn etwa im Sinne eben dieses griechischen Denkens durchaus als „hässlich“ bezeichnen, was die Dimensionen des Schmerzes, der Trauer usw. mit inbegriffe.
    Aber noch ein Wort zur Dialektik, zum Aufruf des „Gegengefühls“. Aus Deinem Text wird nicht deutlich, wie Du Dich dazu positionierst. Hier wie auch an vielen anderen Stellen bei Dir bleibst Du Flaneur. Das ist ja nichts Schlechtes, Du berichtest von vielen interessanten Beobachtungen, Erlebnissen, Gefühlen, Gedanken, in sprachlich häufig sehr reizvoller Weise; manchmal denke ich an Ernst Jünger. Aber ich vermisse eine distinktere Positionierung. Am Beispiel der Dialektik: Dialektik ist kaum mehr als ein anderes Wort für die Unvollkommenheit bzw. Geschichtsunterworfenheit des menschlichen Erkenntnisvermögens. Hegel und Marx haben das transzendiert und einen Gedanken, der noch nicht einmal den Rang eines logischen Prinzips besitzt, zu einer Art Gott erhoben. Crowley travestiert das dann. Die „Vernichtung der Illusion“ stellt ja faktisch die Vernichtung des Seienden dar. Das ist nichts Anderes als purer und völlig primitiver Nihilismus, vermutlich interessegeleitet.
    Was bleibt von Dir in der wechselseitigen Vernichtung der Gefühle und Gedanken? Nichts … nicht einmal der formstille Anblick der Vollendung (Benn), denn da wurde nur alles Keimende und sich Paarende vernichtet. Oder Du nichtest den Geist, so wie im Zauberberg-Schnee-Kapitel der Ästhetizismus den Kannibalismus gebiert. Da bleibt wenigstens noch etwas, wenn auch jeweils etwas Furchtbares und gefrieren Machendes, aber in dem Crowley’schen Blödsinn bleibt einfach gar nichts. Das erhellt die Sinnlosigkeit und bloße Ironie seines Spruches. Wer den ernsthaft zitiert, offenbart aus meiner Sicht eine gewisse Denkschwäche.

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