Verstecke der Zeit

Aus der Angst treten wie aus der Geborgenheit eines düsteren Waldes. Wir hatten dort unsere Verstecke. Die ausgetretenen Pfade führten an bekannte und besonnte Stellen: die Stechpalme am Rande eines Fichtengehölzes, die Lichtung mit den wilden Himbeersträuchern, die prächtig-archaische Gesellschaft der Farne. Umgestürzte Buchen mit aufgestellten Wurzeltellern, ihre Krater im Mergel. Wir waren Kinder und warfen uns in sie hinein wie echte Soldaten. Der Schwarzspecht hämmerte. Das klang wie ein fernes Maschinengewehrfeuer des Feindes. In Deckung bleiben. Brach die Dämmerung an, liefen wir heimwärts über die Felder. Unten im Tal die Häuser, das Dorf. Jeder von uns hatte ein ganz bestimmtes Haus, in das er gehörte. Abendstimmung und der Duft nach Heu oder abgeernteter Stoppelfelder. Ein einsamer Mähdrescher zog seine Runden. Das ging oft bis in die Nacht. Trat ich aus dem Wald, atmete ich aus, jedesmal wieder. Da lag die kleine weite Welt wie ausgestreckt und unerträglich schön. Kulturlandschaft: Feldfrüchte, Ackerbau und Viehzucht, harte Arbeit, der Rausch der Feste, die strengen Alten, die nicht ganz so strengen Eltern, die große Horde der Spielgefährten und manchmal eben Krieg. Ernst gespielter Krieg im Frieden jener Zeit. Jeder wollte deutscher Soldat sein, obwohl wir doch wußten, daß das nicht gut war, was die Großeltern treiben mußten. Klingt wie sehr lange her. Ist es auch. Kommt aber darauf an, was man unter lange her versteht. Lange her ist das letzte Jahr, die anderen Jahre nicht. Ich reite nicht auf dem Zeitstrahl und habe auch keine Angst mehr, aus der ich anfangs noch treten wollte wie aus der Geborgenheit eines düsteren Waldes.


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