Irgendwo las ich einmal, das Leben bestehe nicht aus einem ruhigen Fluß und der allmählichen Abfolge des einen aus dem anderen, sondern aus Entwicklungssprüngen. Plötzlich sei etwas Neues da, durch gar nichts angekündigt oder vorbereitet und also auch nicht vorhersehbar. Plötzlich und erschlagend wie ein Blitz. Der Donner folgt. Von Egon Friedell stammt dieser Gedanke, aus der Kulturgeschichte der Neuzeit (1927-31), dem Geniestreich intuitiven Verstehens, was das sogenannte Abendland einmal ausmachte und umtrieb, dargestellt am Beispiel bedeutender Ideen und Figuren. Friedell arbeitete nicht wissenschaftlich in positivistischer Manier, sondern künstlerisch-assoziativ. Er fügte zusammen, was die anderen zuvor sorgfältig getrennt hatten. Ein wissenschaftlich-künstlerisch überaus beschlagener Seher des durch Selbstzerfleischung bedeutungslos werdenden Abendlandes, ein Zeuge auf der Schwelle, der zurückschaut und sieht, indem er erkennt. Wenig später die endgültige Umnachtung Europas, seitdem sonstwas. Friedell sprang aus dem Fenster, als zwei SA-Männer kamen und ihn, wie er meinte, holen wollten. Bevor er sprang, warnte er noch die Fußgänger: „Treten Sie zur Seite!“ Dann schlug sein schwerer Leib aufs Pflaster. 16.3.1938. Friedell lehrt Sehen und Denken bis heute. Das genannte Buch gibt es günstig bei dtv. Liest man es, läßt es nicht mehr los. Behaupte noch jemand, die Toten wirkten nicht. Was für eine Macht. Ich las in dem Werk Nacht für Nacht und denke soeben, daß es erneut Friedell-Zeit ist. Europa geht es nicht so gut. Ein Sprung wird erfolgen.
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