Für Zwang nicht zuständig

Wissen, was dringend getan werden müßte, es aber dennoch nicht tun … Aus Dummheit, aus Trotz, aus Protest? Als Kind sollte ich hin und wieder eine Postkarte an nette Verwandte schreiben, ein kindliches Dankeschön für das „schöne Geschenk“ oder die Aufmerksamkeit, mir ihrerseits eine Glückwunschpostkarte geschrieben zu haben. Danke für die „schöne Karte zu meinem Geburtstag“. Etwa so. Ich ließ mich breitschlagen und schrieb die Karte, zeigte mich dankbar und brav. Wenn ich die Karte oder einen kleinen Brief schrieb, bereitete es sogar eine gewisse Freude, sich eine abweichende Formulierung auszudenken, damit das Schreiben nicht langweilig sein mußte. Etwas mehr geben als gefordert, und schon wird aus der aufgezwungenen Sache eine eigene. Nun verabscheue ich leider Zwänge. Ich bin gern dankbar, aber ich möchte nicht dankbar sein müssen. Ich liebe auch gern, aber ich möchte nicht lieben müssen. Ich schreibe gern, möchte jedoch keinesfalls schreiben müssen. Das Müssen verdirbt meines Erachtens nahezu alles. Sollen andere ihre sogenannten Notwendigkeiten feiern, ich feiere nicht mit. Müßte ich Leute in einen unausweichlichen Krieg führen, nähme ich nur Freiwillige mit. Lieber unterliegen als irgend jemanden zu irgendetwas zwingen. Deshalb ist mit mir kein Staat zu machen. Aber ich verstehe Staat und Pflicht, Zeremonien und Rituale. Einige sind sogar schön. Doch es widerspricht meinem Naturell, Zwang auszuüben. Das hat sicher tiefe und gute Gründe. Ich mußte zur Schule – ich habe es gehaßt. Ich sollte auf Zeltlager – ich fuhr widerwillig hin. Ich mußte zur Bundeswehr – es war idiotisch. Ich sollte Klausuren und Hausarbeiten schreiben – ich ließ es. Ich verpflichtete mich selbst, ein Buch zu schreiben – vergeblich. Sie können mich holen und damit drohen, mich aufzuhängen oder zu erschießen, ich werde nicht tun, was ich angeblich muß. Ich habe einen ganz und gar positiven Begriff von Freiheit. Frei zu sein bedeutet, selbst zu entscheiden, was ich tue, und dafür auch zu zahlen. Um so zu leben, wie dieses „Ich“, das ich darzustellen habe, gelebt werden muß. Beifall erwarte ich nicht, auch wenn ich ihn manchmal gerne hätte, zur Unterstützung gewissermaßen. (Alle Schreiber hängen sich etwas zu weit aus dem Fenster. Wir haben Angst, in die Tiefe zu stürzen.)


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Für Zwang nicht zuständig

2 Gedanken zu „Für Zwang nicht zuständig“

  1. Hartmut schreibt:

    Das ist wirklich ein schönes Hohelied der Freiheit, das Du hier singst.
    „… ist mit mir kein Staat zu machen“ – es fragt sich ja wirklich, was einem Anderen das Recht gibt zu bestimmen, was ich tun soll. Die Freiheit ist doch mit dem Menschsein ursprünglich gegeben.
    Ich komme noch einmal sehr ins Nachdenken durch Deinen Text, was mir meine Freiheit bedeutet und wie ich sie leben kann. Als theologisch „Belastetem“ gingen mir gerade Erasmus und Luther durch den Kopf und dann Kain und Abel. Bekanntlich bringt Kain seinen Bruder um, weil dessen Tieropfer von Gott akzeptiert wird und sein eigenes Fruchtopfer nicht.
    Ich sehe das alte Ägypten vor mir, das lange, schmale, Ackerbau treibende, hoch technisierte und gesellschaftlich völlig hierarchisch organisierte Kulturland; und daneben die Wüste mit ihren Vieh züchtenden, umher streifenden Nomaden – diese der Inbegriff der Freiheit, jenes der Inbegriff des Zwanges, wie mir scheint.
    Ich habe mich oft gefragt, warum das Tieropfer des Nomaden Abel von Gott akzeptiert wird und das Fruchtopfer des Ackerbauern Kain nicht.
    Ich glaube jetzt, es hängt mit der Freiheit zusammen.

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