Würde

Heimweg. Nicht sehr spät, ein wenig spät vielleicht. Noch viele Leute unterwegs. Vor den wenigen Bars geht es lebhaft zu: munteres Scherzen, Gelächter. Wohlsein und das Geräusch aneinander geschlagener Flaschen. Die Gemeinschaften, haltbar für länger oder einen guten Augenblick. Vergangenheit und Zukunft aus dem Staub, Genuß des Jetzt und Hier. Jeder kennt das, jeder mag das, jeder braucht das. „Jeder für sich ist längst verloren, deine blasse Haut ist der Beweis“ (Keimzeit, Breit). Frauen und Männer an einem echten Holztisch vor der Sportbar. Sie sind leise, rauchen. Drinnen auf den Bildschirmen ist der Wettkampf. Irgendwo auf der Welt spielt stets einer gegen einen anderen. Wer wem gehört, ist draußen klar. Zwei Paare, es wird nur noch ausgetrunken, morgen ist Samstag. Vernunft. Ein paar Häuser weiter sitzt jemand auf der Schwelle der Haustür, ist ein Mädchen mit Wollmütze, setzt sich gerade einen Schuß, der Daumen schiebt. Gleich selig, daher nun ganz ruhig und konzentriert. Sie schaut nur kurz auf. Ein paar Meter weiter handeln sie spät nachts um den Wert eines Kleinwagens, der schräg vor dem Spielercafé steht, die Interessengruppen finden sich gerade. Fünfzig Meter weiter begegnete mir letztes Jahr im Sommer der kleine Fuchs, der seinen Mäusesprung übte im Baumbeet neben der vielbefahrenen Straße und so ahnungslos war, daß er mich für eine Laterne halten mußte, da ich stillstand wie eine solche, nur ohne Licht. Junge Füchse, las ich, werden in den Städten selten älter als ein Jahr. Im Spätkauf fragt mich der freundliche Mann am Verkaufstresen, ob er mir die Flasche Bier öffnen soll. Nein, ich nehme sie mit und trinke sie jetzt und hier, während ich schreibe, daß mir soeben die Welt erschien, wie sie eigentlich ist. Mädchen mit der roten Wollmütze, nun beruhigt und gestillt. Ein tiefer Schmerz in der Welt, niemals zu stillen.


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