Natürlich sind wir frei. – Ein zwiespältiger Satz, wie sofort auffällt. Denn ob wir unserer Natur nach frei sind, könnte bezweifelt werden. Ebenso, ob es sich gleichsam von selbst versteht, daß wir es sind. Auf dem Weg in die Küche dachte ich eben: Die Frage ist nur, ob wir es wirklich sein wollen. Meistens wünschen wir uns nur „ein bißchen Freiheit“. Falls ich verallgemeinern darf. Nun, ich tue es einfach. Spreche ich nämlich nur von mir und mir allein, klingt das reichlich solipsistisch. (Von Nietzsche stammt der Satz, wenn er „wir“ schreibe, sei das ein Ausdruck von Bescheidenheit.) Niemand ist derart einzeln, daß er eine eigene Semantik und Grammatik beanspruchen müßte. Doch wer weiß …
Mich verlangt es, genauso wie dich, meistens nur nach ein wenig Freiheit. Ich möchte heute nicht zur Arbeit, am Wochenende gerne an die Ostsee, habe aber kein Geld. Ich möchte nicht immer und ewig so sein, wie ich angeblich bin, und sei es, daß mir weniger langweilig ist. Zudem möchte ich, daß alle meine Freunde und Familienleute gut finden, was ich denke, sage oder tue, damit es nicht weh tut, wenn ich auf ihren Widerstand stoße. Ich wünsche mir die Freiheit von meinen Selbstzweifeln, damit ich noch besser lebe, als ich es ohnehin schon tue. Sodann wünsche ich mir jede Menge Mut, damit ich mich traue, die etwas schwierigeren Aufgaben meines Lebens in Angriff zu nehmen. Bisher drücke ich mich nämlich noch. Ich bin manchmal ein bißchen feige, und das ärgert mich mehr als alles andere.
Dies ist kein Geständnis, ich konstatiere nur. Doch, es ist zugleich ein Geständnis, und es gehörte hierher nicht, wenn nicht Aufrichtigkeit die Grundvoraussetzung für jegliches Sprechen wäre. Sie ist es aber. Hier ist nicht der Zirkus mit seinen falschen Zaubertricks, hier ist das Leben in einer halbwegs öffentlichen Darbietung namens Literatur. Literatur wiederum ist ein kaltes, nahezu bedeutungsloses, jedenfalls technisches Wort für warme Lebendigkeit, die sich zum Ausdruck bringt und das einzig tut, weil sie nicht anders kann. Eine Spinne spinnt ihre Netze, ein Mauersegler fliegt auf Luftbeute – was tut ein Mann des Wortes? Worte machen. Worte sind Orte. Orte sind gut für Szenen. Szenen sind gut fürs Verstehen und vergnüglich anzuschauen.
Freiheit fliegt weiter. Natürlich sind wir frei. Einfach etwas tun, dafür zahlen, verantwortlich sein und sich als solches zeigen. Das ist alles. Beifall braucht man dafür nicht. Wie sollte er erfolgen, wenn doch alle Welt davon abrät? Keine Freiheit ohne ein gewisses Risiko. Das bedeutet noch lange nicht, daß es in jedem Fall gut ist, sich die jeweilige Freiheit zu nehmen (siehe der Kopfchirurg aus Turin). Freiheit wird nämlich nicht gegeben, sie wird genommen. Das ähnelt Raubzügen. Immerhin ist man hinterher ein wenig stolz auf sich. Es ist befriedigend, im Leben zu stehen wie ein Handelnder. Jetzt haben wir noch „man“ im Boot. Man ist jedermann, alle, keiner. Eine hervorragende Größe, ein Gefäß unbestimmten Inhalts. Sprache ist voll solch eleganter Größen. So gerät die Wirklichkeit in unberechenbare Schwingung. Ich nenne das Musik.
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