Von Generationen wird viel gesprochen: Gertrude Stein erfand den Begriff der „Lost Generation“ für junge amerikanische Schriftsteller in Europa, geprägt von den Erfahrungen des Ersten Weltkrieg, Trinker, innerlich haltlos, verloren. In den fünfziger Jahren taucht die „Beat Generation“ auf, ein lebenskünstlerischer Frontalangriff auf das restaurative, vorgeblich vernünftige Amerika. In Deutschland gab und gibt es die „Skeptische Generation“, die „Flakhelfer Generation“, die „Trümmerkinder-Generation“, sich teilweise überschneidend mit den „Achtundsechzigern“, wie überall in der westlichen Welt die „Baby-Boomer-Generation“ (geburtenstarke Jahrgänge von 1950-1965), die „Generation Golf“ (der um 1970 Geborenen).
Bevölkerungskohorten der Soziologie, Teilgruppen der Gesellschaft, Zielgruppen der Werbewirtschaft, Avantgardezirkel des kulturellen Fortschritts, geordnet nach den Geburtsjahren. Douglas Coupland schrieb Anfang der Neunziger über die „Generation X“, Leute ohne Karriere- und Aufstiegschancen, gezwungen zu „exhibitionistischer Bescheidenheit“. Das ist die Generation, die auf die Baby Boomer folgte und am kahlgefressenen Buffet die Reste verzehren durfte. „Generation Y“ werden die heute Zwanzig- bis Fünfunddreißigjährigen genannt. Y wie Why. Das unterstellt Ratlosigkeit. Wohin im Leben, im Beruf, mit sich selbst? Erstmal nach Berlin, könnte man sagen. Kommt Zeit, kommt Rat. Kommt Rasierapparat, könnte man mit Element of Crime hinzufügen.
Hände in den Taschen, beim Stehen und Gehen. Es gibt nichts zu tun. Riesige Kopfhörer aufgezogen: immer die Lieblingsmusik auf den Ohren wie vor kurzem noch im Jugendzimmer, wie zuhause, wo es keine Pflichten gab, außer den Tisch abzuräumen. Der Rest wurde von anderen erledigt. Unverstanden im Weg stehen, so auch an der Kasse des Supermarkts. Kein Wort sagen, stumm zahlen, zu ungeschickt, um die Waren halbwegs zügig zu verstauen. Und da kommt ja auch schon ein Anruf, schnell ans Phone, ganz gleich, ob da noch andere hinter einem stehen. Mitdenken – wozu? Krasseste Selbstbezüglichkeit fällt auf, ein gewisser Autismus. Als sei der Sozialisierungsprozeß im Alter von vier oder fünf Jahren abgebrochen worden, als hätte man sie allein gelassen vor dem Fernseher oder dem Computer. Sie fassen nicht mit an, sie sehen nicht, was getan werden muß. Irgendwie war alles immer schon da, scheint es. Stark beeinträchtigte Sozialkompetenz? Nun erziehen sie sich gegenseitig. Zum Glück. Schuld sind die Rundumsorgloseltern, die sich als Angestellte ihrer Kinder begriffen haben.
Ich lebe mit und unter ihnen und beobachte. Ich bin nicht gegen sie, warum sollte ich? Ich verstehe sie ganz gut, denke ich. Interessant ist, was geschehen wird, wenn sie ins Handeln kommen müssen. Dann sind Entscheidungen fällig, die im Überangebot an allem schwer zu treffen sind. Vielleicht werden sie grausam werden und sadistisch, vielleicht erkennen sie, wie die Welt an einigen Stellen verbessert werden kann. Das Spiel ist offen, die Bedingungen sind uneinschätzbar. Die Zukunft lockt derzeit nicht wirklich. Schnell wieder unter die schützenden Kopfhörer. Die nächste Generation begibt sich langsam an die Startlöcher. Sie wird die Warum-Generation sorgfältig studieren und von ihren Fehlern lernen, um neue zu machen. Das Spiel ist nicht aus.
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