Gespräch über die Generationenfolge und darüber, was die zwölf NS- und sechs Kriegsjahre mit den Großeltern, Eltern und uns gemacht haben, anknüpfend an die Bücher über Kriegskinder und Kriegsenkel, die in Deutschland viel gelesen werden. Die Deutschen als tief traumatisiertes Volk entdecken, daß auch sie Opfer sind. Die Frage demnach: Kann es sein, daß Täter gleichzeitig Opfer sind? In unserem Gespräch im Freien an einer Bank bei nahendem Gewitter, das dann doch vorbeizog und uns lediglich mit leisem Grollen und Wetterleuchten versah, wurde die Frage mit Ja beantwortet. Vor vielen Jahren wurden die Deutschen „willige Vollstrecker“ bezeichnet, doch darüber mögen die Historiker befinden. Uns interessierte, inwiefern wir mit diesen Jahren des Grauens verbunden sind, denn die letzten Kriegsteilnehmer sterben nun. Das Schweigen derer, die etwas erleben mußten; die Fragen jener, die wissen möchten, wie es wirklich war. Unterschiedliche Grade der Verstörung, tiefsitzende Ängste, böse Visionen des eigenen Todes, Verunsicherungen, Pessimismus, übertriebene Sorge, Sicherheitswahn, Besitzstandsmehrung, Zukunftsangst, geringes Selbstvertrauen, auf der Erde nicht zuhause, geistig obdachlos, spirituell arm, innerlich suchend, ruhelos. Doch wir blieben bei den Geschichten unserer Vorfahren, dem Teil, der uns zugänglich war. Jetzt reden sie mit einem Mal: Kriegsgeschichten, Fluchtgeschichten, Flüchtlings- und Barackenjahre in unwirtlichen westdeutschen Gegenden, wo sie nicht willkommen waren, das Emporarbeiten für Anerkennung und Wohlstand. Zwei, drei Generationen im festen Griff der Schuldgefühle. Mein seltsames Gefühl, „mit all dem“ (unserer gesamten Arbeits- und Lebenswirklichkeit) im Grunde genommen nicht das geringste zu tun zu haben, gehört sicher auch in diesen Kontext aus Unbehaglichkeit und Schuld. Es lebt sich dieses Leben oft wie nur geträumt. Da schützt sich mein Bewußtsein, nehme ich an. Ich war von Anfang an Katastrophiker. Doch ich werde allmählich heller. Es geht mir mittlerweile so gut, sagte ich dort am Tisch, daß ich mich noch totlachen werde. Bewußtseinsschutz bei der Arbeit.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.