Viele Leute sind noch lange nicht Masse

Erstaunlich gute Musik entsteht in diesen Jahrzehnten des Halbschattens. Zum Echten muß man sich allerdings vorarbeiten, aus eigener Kraft und wirklichem Bedürfen. Wer hat sich nicht eine Zeitlang hübsch betrügen lassen. Surrogate, Placebos, Attrappen, Kopien, Potemkinsche Dörfer, aufblasbare Puppen. Eine Plastikpopschicht ist zu durchbohren, die von der Musikindustrie aufgespannt wurde, um die Märkte mit massentauglicher Billigware zu versehen. Standardisierte, zielgruppengenaue Produktionen nach Maßgaben des Designs, Marionetten als Interpreten und Darsteller des Retortenprodukts, Strategien zur Penetration des Marktsegments, Kommunikation der Botschaft auf allen Kanälen, assistiert von den Seilschaften im verzweigten Gefüge der Multiplikatoren. Knallharte Konkurrenz um Attention-Interest-Desire-Action. Daß es in der europäisch-amerikanisch-australisch-asiatischen Welt so gut wie keinen Jugendlichen und Erwachsenen gibt, der nicht die Namen Selena Gomez und Justin Bieber (längst sind neue Gesichterstimmen unterwegs und ganz oben – ich kenne sie nur noch nicht, eine Frage der Zeit) gehört hat und mit ihnen etwas verbindet, ist Ergebnis harter Agenturarbeit (Entwurf, Planung, Ausführung, Kontrolle). Die Geschmacks- und Kauforientierung der Teenager wird beackert und erforscht wie weniges sonst. Markt der tätigen Opfer, Opfer des tätigen Markts. Je unsicherer der Konsument, desto leichter seine Beeinflussung durch Signale, die ihm Bestätigung geben. Sie lautet: Du bist richtig, du hörst die angesagte Musik, trägst die angesagten Marken und weißt auch sonst, was läuft. Später verzweigen und verfeinern sich die Distinktionsprozesse. Jeder möchte etwas Besonderes sein und das unter Beweis stellen, selbst jene, die lauthals oder leise bestreiten, solches jemals gewollt zu haben. Ich selbst hänge im langen Schatten meiner Hörgewohnheiten und tue mich schwer, all die Fäden, die in dieses Knäuel führen, das ich als Musikhörer (und auch sonst) augenblicklich bin, zurückzuverfolgen an ihren jeweiligen Beginn. Man darf getrost aufhören, sich als etwas Besseres zu fühlen. Ich habe damit begonnen und mag auf diesem guten Weg voranschreiten. Zum Schluß dieser Zeilen zurück an den Anfang, an das Echte, zurück zu derjenigen Musik, der zu trauen ist. Mir scheint, sie kommt aus den Landschaften, aus den Geschichten, aus Erlebnis und Erfahrung, aus der Sinnlichkeit der Augenblicke und dem Ernst des guten Begreifens, also eigentlich aus dem Vertrauen. Da wir sämtlich mißtrauisch sind, und zu Recht, müßte es uns ein Leichtes sein, herauszufinden, wer sich aufplustert, posiert, etwas vorgibt, geschickt wurde, imitiert. Sing dein Lied, Fremder, ich höre.


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