Ich sehe einem Mann bei seiner Lieblingsbeschäftigung zu: Grünes wegzuschneiden. Rankt der Wein die Haustür zu, muß er weg. Ganz weg. Nun ist der Eingang kahl und sauber und niemand sitzt mehr auf den Treppenstufen unter dem Wein und plaudert oder raucht eine nachdenkliche Abendzigarette mit Blick in den Hof, wo die Mülltonnen stehen und die Katzen sich treffen oder ein Kleinkind laufen lernt. Rankt etwas anderes, wird es zurechtgestutzt. Alles was wächst bekommt eine Kurzhaarfrisur. Wenn die Natur wieder ordentlich ist, hat er seine Arbeit getan. Wildes Wuchern ist nicht erwünscht. Der Mann ist ansonsten schwer in Ordnung, doch er teilt die Krankheit seiner Generation. Dieser Generation verdanken wir die Sauberkeit Deutschlands, das in weiten Teilen aussieht wie eine Märklin-Variante der Welt, keimfrei und leblos, unheimlich still wie ein Industriehof am Sonntagnachmittag. Diese Generation, die den Wohlstand hochgezogen hat, der uns beschert wurde wie das wertvollste Geschenk, das ein Deutscher machen kann, möchte ich anerkennend betrauern. Sie hat ihr Bestes gegeben. Daß es uns nicht gefallen kann, liegt auf der Hand. Sie kam aus Hitler, sie wollten sich das abwaschen und verschrieben sich dieser wahnsinnigen Vernunft, die einen krank macht. Seele friert, seit Jahrzehnten. Ich würde alles zuranken lassen, damit die Vögel Nester bauen und die Spinnen ihre Netze aufspannen können und die Menschen unterm Laubdach sitzen und lachen. Dann würde mir auch endlich der Wein schmecken.
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