Klingt nach Hölle

Vermutlich leidet eine gute Hälfte der bürgerlichen Gesellschaft unter einer heftigen Angststörung. Man kann sich vor einer Menge Dinge fürchten, am meisten aber wird der soziale Abstieg gefürchtet (neben Krankheit, Unfall, Tod und all dem anderen). Im Umkehrschluß: daß aus den eigenen Kindern nichts wird. Damit aus ihnen etwas wird, werden Kräfte mobilisiert: diagnostisch, therapeutisch, psychopharmazeutisch. Die Fachleute sind auf die Wünsche ihrer Kunden und Patienten eingestellt und bieten vollen Service. Wie bringt man einen ausgewählten Menschen ins anvisierte Ziel? Dorthin soll der ausgewählte Mensch gelangen, damit es ihm einmal gut gehen kann und er glücklich wird.

Die Prämissen werden nicht diskutiert: 1. Menschen lassen sich lenken und fernsteuern. 2. Nur ein Leben nach den Vorstellungen derjenigen, die es gut mit ihm meinen, ist ein richtiges und glückliches. Woraus folgt: außerhalb dieser Vorstellungswelt liegen Mißerfolg, Scheitern, Unglück, Verderben, gesellschaftlicher Tod. 3. Glück ist etwas, das erst noch kommt, wenn nur die Bedingungen x, y und z erfüllt sind. Ein konditionales Glück, das nur eintrifft (pünktlich und bestellt), wenn man zuvor ‚alles richtig gemacht‘ hat. 4. Ein heranwachsender Mensch hat kein Recht auf ein eigenes Wesen und einen eigenen Weg. 5. Der Mensch schuldet der Systemlogik Gefolgschaft. Woraus folgt: wenn die Schulen sich nicht ändern, müssen sich die Schüler ändern. 6. Es existiert eine intellektuelle und moralische Instanz, die das absegnet und positiv sanktioniert. Woher sonst diese aberwitzige Courage? 7. Die Begriffsinhalte von Glück und Erfolg sind geklärt und aufeinander abgestimmt.

Angst und Ängstlichkeit machen anpasserisch und abhängig. Was waren das doch für süße Debatten damals, als man über Expertokratie spottete, sie zugleich aber aufziehen sah in ihrer ganzen Schrecklichkeit. Nun leben wir mitten in dieser Wolke aus Information und Gegeninformation, aus neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, fachärztlichen Einschätzungen, therapeutischen Ansätzen und all dem aufgeregten Getue einer professionalisierten Gesellschaft, in der sich der einzelne nichts mehr zutraut. Der gesunde Menschenverstand ist abgesoffen oder der Vorurteilskritik unterlegen, wer weiß. Man zittert, man zagt, man hat das Gefühl für sich und die Seinen nahezu verloren. Ein Rest Liebe ist noch da, immerhin. Aber Vertrauen?


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