Was ist eigentlich das Schlimme am Aufräumen? Kinder hassen es, aufräumen zu müssen, und in dieser Hinsicht bin ich Kind geblieben, obwohl ich Ordnung zu schätzen weiß und insgeheim danach strebe. Derweil ich gegen Stapel von Büchern, Zetteln, Papieren, CDs und Haufen von Andenken und vergessenen Gegenständen einstigen Gebrauchs ankämpfe, beschäftigt mich diese Frage. Was ist daran so schlimm, daß ich auf der Stelle kapitulieren und ausziehen möchte, einen Rucksack voll mit dem, was ich wirklich benötige? Ich weiß nun die Antwort: all diese Sachen handeln von Vergangenheit. Sie sind die übrig gebliebene Materie begrabener Zeit, Reststücke, Grabbeigaben, fast schon Devotionalien. Genau das läßt mich zurückschrecken. Auf diesen Sachen liegt schwer der Staub der Straße, der Staub der Zeit. Ich mag manche Objekte gar nicht mehr in die Hand nehmen, so tot sind sie. Lange her, denke ich dann, verdammt lange her. Am schlimmsten wird es, wenn man sie wieder einräumt, in eine Schublade oder ein Regal. Das bedeutet, ihnen Zukunft zuzutrauen, wo sie doch nicht einmal Gegenwart haben. Ich kann mich nur schwer zum Wegwerfen bewegen und werfe mir gleichen Atemzugs meine gottverdammte Sentimentalität vor, die gar nicht dazu paßt, daß ich mich noch nie in meinem Leben zurückgewünscht habe in eine Situation oder Konstellation von früher, nicht einmal an einen Ort, nie. Doch scheine ich davon auszugehen, daß diese Gegenstände einmal Erinnerungen auslösen können, die ich noch benötigen werde. Solches denke ich, seit ich fünfzehn bin. Das ist etwas seltsam. Ich denke im Futur II. Das tut kein Mensch, nehme ich an. Ich bin einer, der sich nur schwer lösen kann, steht sogar in meinem Horoskop. Entsetzlich. Das macht mir auf der Stelle Lust, einen Container zu bestellen und alles hineinzuwerfen, dessen Existenzberechtigung sich nicht aus der unmittelbaren Gegenwart ableiten läßt. Ein bißchen Kleidung, Küchenzeug, Badezimmerzeug, Papier, Stifte, zehn Bücher – etwa derart. Was sich um mich abspielen darf, stellt mir ja ein Armutszeugnis aus. Kann sich schwer lösen … Und wie ich mich lösen kann, die Welt wird noch staunen, wie frei ich werde. Ich muß mich nur neu finden. So schwer kann das nicht sein.
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