Das schlechte Gewissen führt zu nichts

Die Meldungen gehen ein, werden registriert, innerlich kommentiert, sortiert, zur Seite geschoben, vergessen. Die Welt ist in Aufruhr, es wird gekämpft und getötet, gehungert, geflohen. Unser Leben geht ungeachtet weiter, und was sonst soll ‚unser Leben‘ anderes tun, als geachtet oder ungeachtet weiter zu gehen? Ich kann die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und wie meine Bauerngroßmutter „Ugutteguttegutt“ rufen. Doch Gott greift nicht ein, selbst wenn es sein ureigenstes Interesse berührt, nämlich den Glauben an ihn und seine Allmacht. Er läßt die Menschen töten, sie haben ja die Wahl.

Früher benötigte eine Nachricht Monate, wenn nicht Jahre, um in unsere Breiten zu gelangen. Wenn die Nachricht vom Erdbeben ankam, war es längst vorbei. Die Toten waren bestattet, die Aufräumarbeiten im Gange, Teile der verschütteten Stadt bereits wieder aufgebaut. Das ferne Geschehen blieb fern. Es gab keine Bilder, nur die zeitversetzten Schilderungen. Der Großbrand in London (1666), das Erdbeben in Lissabon (1755). Die Erzählungen reichten aus, um die Zeitgenossen das Fürchten zu lehren. Ansonsten waren die Menschen mit ihren eigenen Sorgen und Nöten vollends beschäftigt. Sie bestellten ihren Acker, sie wirkten im engen Kreis.

Die Kaufleute waren die ersten, die ein zuverlässiges Nachrichtenwesen aufbauten und unterhielten. Ihr wirtschaftlicher Erfolg hing maßgeblich davon ab, Kenntnis zu erlangen, ob und inwiefern ihre Handelsbeziehungen durch Vorkommnisse an den Produktionsstandorten, den Handelsposten oder entlang der Verkehrswege beeinträchtigt sein würden. Bezahlte Ortskundige verfaßten Kaufmannsbriefe, die zunächst mit dem Warentransport eintrafen, später auf dem Postweg verschickt wurden. Große Handelshäuser entsandten eigene Korrespondenten überall dorthin, wo für sie etwas auf dem Spiel stand. Die Briefe und Nachrichten waren den Fernhändlern vorbehalten. Sie waren die informiertesten Menschen ihrer Zeit. Erst 1605 konnten Privatleute eine gedruckte Ausgabe der Nachrichten gegen Bezahlung lesen. Die erste Zeitung erschien in Straßburg.

Seitdem sind wir fortschreitend ‚auf dem Laufenden‘. Was macht das mit uns? Es deprimiert uns, mich jedenfalls. Denn ich erfahre etwas Schreckliches, dessen Anblick mich zum Handeln und Helfen aufforderte, geschähe es hier gleich um die Ecke, in meiner Reichweite. Die laufenden Bilder erzeugen ein Klima der Unmittelbarkeit und Nähe. Ich bin mit den Augen vor Ort. – Mit den Augen eines Kameramannes nach Auswahl durch einen Redakteur und Absegung der Sendung durch einen Vorgesetzten in einer Sendeanstalt. Ich soll diese laufenden Bilder sehen, sie wurden für mich ausgewählt. Mit meinen Gefühlen und Gedanken muß ich allein klarkommen.

Der Handlungsaufruf der Bilder wirkt noch, da werde ich erneut in Erregung und Empörung versetzt, weil an anderer Stelle ebenfalls Teuflisches geschieht. Die schon wieder, winkt es in mir ab. Dauerkonflikt, unlösbar, Idioten, fanatisch, nicht zu helfen, erst in hundert Jahren, wenn sie sich ausgeblutet haben, wird sich das ändern. Es folgt ein Sturm, eine Flut, ein Hilfeschrei der Hungernden. Ich bin fertig, die Sendung ist aus. Was macht das mit mir? Werde ich mitfühlender, menschlicher, spendabler? Fühle ich mich wohler in der relativen Sicherheit meiner Existenz, bin ich ein wenig dankbar wenigstens? Wem danken, uns selbst? Wer sind wir denn? Überlebende und Enkel oder Urenkel der Überlebenden oder Toten des größten Massakers in der Geschichte der Menschheit. Das sind wir.

Ich wurde nicht eingesperrt und malträtiert, auf mich warf man keine Bomben, niemand versuchte bisher, mich zu erschießen. Ich war nie auf der Flucht, ich ging höchstens. Soll ich deshalb ein schlechtes Gewissen haben? Sollen wir nun alle wieder weltumspannend leiden und in die äußerste Pein geraten, damit auf dieser untersten Stufe endlich die ersehnte Gleichheit herrscht? Ich war kurz nebenan und dachte: Eigentlich ist es obszön, über das eigene friedliche Leben und dessen kleine Herausforderungen zu schreiben. Doch dann dachte ich nach und kam zu dem Schluß: Der Krieg ist obszön. Kein Friedlebender soll sich rechtfertigen dafür, daß er in seinem Frieden lebt und spricht.

Ich zitiere einen ehemaligen Nachbarn von mir, Schweizer, Schauspieler. Er sagte: „Die Menschen könnten einmal lernen, sich in Ruhe zu lassen.“ Das wäre das revolutionär Neue. Nicht andere nötigen, dieses zu tun oder jenes zu lassen. Davon ausgehen, daß die sich auch ihre Gedanken machen, vielleicht jedoch zu anderen Schlüssen gelangen. Daß die Menschen einander nur selten in Ruhe lassen oder nicht oft genug, sollte einen beschäftigen. Ich beginne mit mir selbst und frage mich, wem ich kürzlich zu nahe getreten bin.


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