Nicht selten sehe ich die Traurigkeit, das Erschöpfte, die Niedergeschlagenheit von Menschen, die ich mag und ein wenig kenne. Ich möchte aufmuntern, möchte helfen, ihnen zeigen, daß es sich um Sichtweisen (Perspektiven) und Interpretationen von Wirklichkeit handelt, nicht um die schreckliche Wahrheit, die zu Grabe trägt. Ich möchte erreichen, daß sie an ihrem Unglück zweifeln. Denn es handelt sich bei ihrem Zustand um das Walten eines Glaubens, nicht um Wissen, am wenigsten um Wahrheit. Ich nenne solches Vorurteil wider die eigene Person „bestenfalls eine Annahme“.
Ich kenne diese Vorgänge aus eigenem Erleben. Es gab eine Zeit, sie liegt nicht lange zurück, da fühlte ich mich nicht nur so, da war ich mein ärgster Belastungszeuge, und zwar aus beträchtlicher Höhe. Hätte man mich gelassen, ich hätte mich zernichtet. Die Gründe und Untergründe solchen Tuns liegen tief und verborgen. Ich denke, sie führen in die Ahnengalerie (Geister, Gespenster, unausgesprochener Bann), denn aus meiner kleinen und kurzen Existenz kann ich solches nicht ableiten, es sei denn, ich dramatisierte gewisse Vorkommnisse, die mir wie Bagatellen erscheinen. (Der Psychoanalytiker horcht auf.) Ich denke, sie gehören zum Bild; das Bild erzeugt Abbilder. Wir sind Wiederholungen eines fatalen Zustands.
Aus solchem Verhängnis auszutreten, kurzer oder langer Hand – das ist eine der größten Leistungen, die ein Geist-Seele-Körper-Wesen vollbringen kann. Es bedeutet Überschreitung. Es gibt eine Zeit, da braucht man seine Vorfahren nicht mehr negativ. Die Absetzbewegung ist vollzogen, der Abstand ist groß genug, der umgebende Raum nahezu unermeßlich. Nun ist Annäherung möglich, Erkennen auch und Verständnis. Nicht oberflächlich und den Wörtern nach, sondern tief unter dem Gesprochenen, dieses tragend.
Mir ist nicht zu helfen, sagte heute abend jemand. Er sagte es anders, er sagte: Mein Problem liegt woanders (nicht beim Schreiben, er ist Autor), aber darüber möchte ich nicht sprechen. Offenbar ein Tabu. Wer bin ich, Tabus (Unantastbarkeiten) anzutasten! Dahinter steckt ein Glaube, ich weiß es ja. Folge er demnach seinem Glauben an die Nichtigkeit seines eigenen Tuns, folge er der Verderbnis negativen Denkens, folge er dem Zynismus, der nichts weiter ist als enttäuschter Idealismus, der Hochherzigkeit ist, ein Gutnehmen und Übersteigern. Folge er dem Abtrieb. Ich stoppe ihn nicht. Er wird sich stoppen.
Es ist so einfach, enttäuscht zu sein … Man sollte sich schämen!
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.