Die Abkühlung naht, der Regen kommt. Der Glaser sagt, die jungen Vögel verdursteten, sie fielen aus ihren Nestern. Daß die Blätter der Bäume im unteren Drittel braun werden, sei dagegen nicht so schlimm. „Die schaffen das, aber für die kleinen Vögel ist es schlimm.“ Neben der Glaserei betreibt er quer über die Straße noch ein Bistro und gleich daneben einen Spätkauf (Kiosk). Sein Mitarbeiter nimmt sich sofort des Fensterflügels an, den ich zum Einsetzen einer neuen Scheibe hingetragen habe. „Das kriegen wir hin“, hat er am Telephon gesagt. Zuvor stand ich bei zwei Glasereien vor verschlossenen Türen, wollte bereits aufgeben und das Fenster mit Kunststoff-Folie provisorisch abdichten, denn die Gewitter nahen und erreichen endlich auch Berlin. Da fand ich seine Glaserei in den Gelben Seiten. Im Spätkauf zwischen den sporadisch eintretenden Kunden errechnet er den Preis für Material und Arbeit. Ich zahle. Der Kaffee, den ich während der kurzen Wartezeit trinke, geht aufs Haus. Er ist ein großer freundlicher und umsichtiger Mann türkischer Herkunft, der sich um die kleinen Vögel sorgt. Ein schwarzer Junge kommt in den Spätkauf, ist noch so klein, daß er zwar über den Rand der Eistruhe schauen kann, aber nicht ans Eis seiner Wahl heranreicht. Er bitte mich, ihm „das da“ zu geben. Er ist sehr selbstbewußt und zeigt auf einen Karton mit einem bestimmten Eis. Der Spätkaufbistroglaser lächelt und übernimmt. Ich gehe hinüber zu seinem Kollegen, der nun fast fertig ist. Er putzt das Glas, setzt die Silikonfuge und korrigiert an einer Stelle mit einer Klinge. Er ist ein erfahrener Meister und Glaskünstler, das erkenne ich. Als er fertig ist, streicht er über den Rahmen und sagt: „Fertig.“ Er freut sich, mir geholfen zu haben. Ich freue mich, daß mir in so kurzer Zeit geholfen wurde. Nun laufe ich mit dem Fensterrahmen durch die Straßen und gebe acht, daß ich nicht irgendwo anstoße. Der Rahmen ist nun viel schwerer als auf dem Hinweg. „Fallen lassen“, sagt ein älterer Kuttenträger mit langen Zotteln, der mir begegnet. Ich sage: „Ja.“ Es sind 35°C und es ist noch weit bis zur Wohnung. Ich denke an die jungen Vögel, die verdursten, und habe es nicht mehr weit. Klingt wie eine Kalendergeschichte, denn es gibt eine Moral. Die Moral steht in der Überschrift. Alles geschah aber viel selbstverständlicher, als ich es schildern kann. Es war Freundlichkeit da, man sollte gar nicht zu viel darüber sprechen, sonst halten wir sie noch für etwas Besonderes. Ich habe etwas sehr Verständliches notiert. Und damit ist es zweitens gut.
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