Das Land und die Stadt in der Trockenzeit

Früher Abend. Warten auf den Regen, kleinere Gewitter sind angekündigt. Ich lausche nach Westen. In der Ferne grummelt es, kurz zu hören, nun wieder der dominante Beat eines konservierten Musikstücks aus der Nachbarschaft, unverständliche Stimmen dringen durch, eine Frau erklärt etwas, ich erkenne das am Tonfall. Der Bauer in mir sehnt sich nach Regen. Ich streife durch Ländereien, die ich aus der Erinnerung aufrufe.Die Spatzen sind sehr laut. Sie versammeln sich in den Höfen und schwärmen dann gemeinsam weiter. Ein Impuls erfaßt den Schwarm, sie starten wie auf ein Zeichen und schwirren los.

Am schlimmsten ist die Trockenheit in Nordbayern, Hessen und dem südlichen Brandenburg. Der Pegelstand der Elbe bei Magdeburg liegt bei fünfzig Zentimeter, so hoch wie im Planschbecken. Ernteverluste bei Mais und Getreide. Seit ich älter werde, achte ich noch mehr auf das Wetter, verbinde mich noch mehr dem Land, seit ich Städter bin. Als hätten Ausgleichsverhandlungen stattgefunden. Die Städter, die ich spreche, bewerten die aktuelle Wetterlage aus ihrer Sicht: Badeanstalt und Kleingarten. Der Bauer ist für sie eine ferne Urgestalt mit seltsamen Riten. Den Kindern wird erklärt, woher die Milch stammt. Urlaub auf dem Bauernhof ist möglich.

Auf dem Land macht man sich Vorstellungen vom Leben in der großen Stadt. Sie möchten nicht mit mir tauschen. Zu viel und zu laut – ihr Resümee. „Wenn ich abends noch mal vor die Tür gehe und auf die Felder schaue, dann weiß ich, warum ich hier lebe“, sagt eine Nachbarin aus meiner alten Heimat, dem kleinen Dorf im Weserbergland, in dem nur ein einziger Bauer noch wirtschaftet. Alle anderen haben aufgegeben, arbeiten als Angestellte, Handwerker oder Arbeiter im Landkreis. Manche haben sich selbständig gemacht, ein paar sind gegangen. Das Dorf ist bürgerlicher geworden, könnte man sagen. Die Lebensweise hat sich der städtischen angepaßt. Nur noch wenig kommt aus dem eigenen Garten. Die Einkaufszentren am Rande der Kreisstadt sind größer geworden.

Ich führe mich nun selbst entlang der bekannten Wege durch die Feldmark und begutachte die Felder. Ich verstehe von Ackerbau nicht die Hälfte dessen, was mein Vater versteht. Immerhin erkenne ich, ob es den Pflanzen gut geht. Ich laufe weiter und hinauf in den Wald. Dort habe ich als Fünfzehnjähriger Eichen gepflanzt, gemeinsam mit anderen aus dem Dorf, die auch etwas dazuverdienen wollten. Die meisten waren Hausfrauen. Unter Anleitung setzten wir die angelieferten Stiel- und Traubeneichen, die gebündelt in langer Reihe in einem schmalen Wassergraben standen, in die ausgehobenen Pflanzlöcher. Wenn ich dort bin, sehe ich nach, wie groß sie geworden sind und ob sie gedeihen. Eichen haben viel Zeit.

Hinter dem Wald beginnt eine Landschaft, die ich nicht gut kenne. Im letzten Jahr habe ich mich dort einmal verlaufen. Ich stieß auf zwei abgelegene Gehöfte, an denen ich vorbei mußte. Zum Glück kam kein Hofhund hervorgeschossen, um mich zu erschrecken und zu bedrohen. Hofhunde sind ungemütliche Wesen. Wer findet schon den Weg zu diesen Gehöften. Ich sah Hufspuren. Immerhin kamen also Reiter vorbei. Dann lagen die Häuser und Stallungen hinter mir und ich lief einen langen, schnurgeraden Weg auf das Haus zu, wo jemand Wichtiges gestorben und Stunden zuvor begraben worden war.

Immer abends die schwarze Amsel unter dem roten Rosenstrauch. Erst höre ich sie, dann sehe ich sie. Sie sieht mich auch, fliegt aber nicht davon. Sie weiß, daß ich im Haus bin, während sie außerhalb ist. Wir sind uns bekannt. Für sie ist die leergeräumte Fläche des Beetes ein Ort des Suchens und Findens. Pickt sie etwas auf, ergibt das ein Geräusch. Daraufhin schaue ich aus dem Fenster und sehe sie. Auch ihre Schritte sind zu hören, denn im Beet liegen noch Hölzchen und Stöckchen. Jetzt sagt sie doch etwas. Ich verstehe nicht, aber es klingt ganz gut.


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