Beginne zu handeln, sonst wirst du behandelt. Sie lassen nicht in Ruhe oder Frieden, wer immer sie sind: Präsidenten, Direktoren, Offiziere, Verwalter, Vorgesetzte, Kunden. Freunde oder Feinde, Fremde oder Bekannte, natürliche oder institutionelle Personen. Systeme. Selbst die Dinge lehnen sich gegen dich auf, wenn du sie nicht unter Kontrolle behältst. Jedenfalls spotten sie deiner oder hängen sich an die Waden und beißen hinein wie ungezogene Hunde oder tollwütige Marder.
Es wird ein Mensch doch in Frieden leben dürfen, dachte ich früher. Ja, aber nur ausnahmsweise. Es gibt die gestatteten Rückzüge. Ein Vermögen. Doch ansonsten wird Drängen und Schubsen praktiziert, denn das Leben beruht auf Ausdehnung, also auf Verdrängung. Wo eine Macht sich ausdehnt, gibt es kein Halten mehr. (Man kann sie jedoch ins Leere laufen lassen, indem man ausweicht.) Daß die Feineren und Zarteren dabei den Kürzeren ziehen, leuchtet ein.
Manche geraten unter die Räder, geben auf, sogar ihr Leben. Mich erstaunt das nicht im geringsten. Lehnt man sich zurück und betrachtet die Rasselbande, sieht man wenig Anlaß, frohen Mutes mitzumischen. Sie feilschen um Prozente, gieren nach einem jeweiligen Mehr, ergattern dieses, ersteigern jenes. Das scheint sie glücklich zu machen. Schnappen nach Schnäppchen, anschließend ein Schnäpschen. Das nennt sich Lebenskampf. Hat mich nie wirklich interessiert. Sportlicher Ehrgeiz … lange her.
Daß manchen dieses kämpferische Element des täglichen Lebens nicht auffällt, finde ich erstaunlich. Dann hätte die Zivilisation erreicht, daß die nackten Interessen verhüllt aufträten? Eine gigantische Leistung: daß wir nicht übereinander herfallen und uns offen ausrauben oder versklaven. Daher die vielen Erklärungen und Rechtfertigungen im Namen der allerbesten Erzählungen und Zurechtlegungen des Weltzusammenhangs. Damit wir nicht erschauern vor dem Abgrund an Gier und Brutalität, mit der sich Lebensmacht nimmt, was sie benötigt.
Das ist nicht einmal die halbe Wahrheit über das Leben, aber ein wichtiger Teil. Leben in groben Zügen, gleichsam eine Skizze. Dumm dran ist, wer dieses Grobe vergißt oder außer Acht läßt. Mit dem spielen die Verhältnisse ein Spiel, das er verlieren wird. Sie schalten ihn aus oder werfen ihn auf einen stinkenden Haufen Altfleisch. Humanität gibt es trotzdem. Wenn man Glück hat, bekommt man etwas davon ab. Morgenstunden sind brutal, ich habe es doch gesagt.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.