Als habe mir jemand (ein Mädchen) sein Poesiealbum überreicht, mit der Bitte, nächster Tage etwas Schönes einzutragen. Ein feierlicher und zugleich komischer Akt. Ich fühlte mich damals (in der Grundschulzeit) geehrt, denn „nur Freunde“ wurden gebeten, sich in den geschmacklos-bunten Büchern zu verewigen. Andererseits ahnte ich bereits, daß es auf eine mir noch nicht ganz verständliche Weise Blödsinn ist, Sinnsprüche einzutragen und zu beteuern, man sei für immer miteinander verbunden oder ein guter Freund. Dein Mitschüler Holger paßte wohl am besten, nur fehlte das Pathos. Zuhause angekommen, zeigte ich das Poesiealbum meiner Mutter, die sich damit eine vergnügliche halbe Stunde bereitete. Sie freute sich über Rechtschreibfehler, schräge Bilder, geschmacklose Sprüche, häßliche Aufkleber. Sie lachte laut. Dann suchte sie schöne Gedichte und kluge Aphorismen heraus und legte sie mir vor. Ich sollte schauen, ob mir etwas davon gefalle – das könne ich ja eintragen. So geschah es.
Als habe mir jemand sein Poesiealbum überreicht, mit der Bitte, möglichst schnell (sie sagen jetzt häufig „zeitnah“, was ich sehr häßlich finde) etwas Schönes oder Wahres oder zumindest gut Gesagtes einzutragen. Ein feierlicher und zugleich komischer Akt, der da stattfindet, wenn ich hier in mein eigenes Poesiealbum eintrage. Am liebsten jeden Tag, damit sich niemand langweilen muß. Ich schreibe nicht vor, ins Unreine. Niemand sucht mir einen Text heraus, der passen könnte. Ich lege aus dem Stand los und benötige nur eine winzig kleine Idee oder ein Vorkommnis. So auch jetzt. Ich weiß nicht, wohin dieser Text noch möchte. Ich habe kein Ziel. Ich fühlte mich nur vor wenigen Augenblicken plötzlich so feierlich, als sei das, was ich tue, etwas komisch Wichtiges. Textende. Heute war kein schlechter Tag.
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