Die Straßen sind naß, das Pflaster glänzt, als sei es poliert worden. Letzte Streuner taumeln heimwärts, schlagseitig. Es ist betörend schön, durch das leise Nieseln ebenfalls zu gehen, vertieft in die Dinge, wie sie sind. Nun zählen sich die Tage leicht, da es bald eine Stille Nacht geben wird, anschließend eine gefährliche Zeit „zwischen den Jahren“, die mir vor etwa 355-345 Tagen fast zum Verhängnis wurde, da ich in Tiefen meiner selbst sank, die mich erstaunten und betäubten. Das Ich ist ein Gefäß, das seine Grenzen weiten kann, bis es zu platzen droht, oder sie einzieht, bis kein Staubkorn mehr hineinpaßt. Zwischen den Jahren, das war einmal eine Zeit, die mir etwas versprach. Nun ängstigt sie mich, doch bin ich gewappnet. Niemand fühlt sich weihnachtlich. Es sind nicht die dreizehn Grad Celsius von morgen, es ist nicht der sogenannte Streß von Arbeit, Termin, Abgabe, Frist und jetzt noch. Es ist etwas anderes: die soziale Temperatur, die Sorge der Körper, das Beben der Haut, das Flackern der Nerven, die Sendung des Herzens, das Schalten der Furcht. Oder noch etwas anderes, das einzufangen mir nicht gelingt. Es gibt Jahre ohne Weihnachtsfest, auch wenn viele es feiern.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.