Das Zwanghafte

Im Traum Goethe. Textkorrekturen. Er schrieb alles voll, kritzelte an den Rand, kommentierte nahezu jedes Wort, dozierte ausschweifend über Herkunft, Gebrauch und versteckte Bedeutung. Eckermann nickte und schwitzte. Ich stand daneben und war sprachlos, suchte nach Wörtern, die ihn und sein Auftreten beschreiben könnten: selbstverliebt, aufgeblasen, maßlos. In seinen Augen lag allerdings eine Traurigkeit, die mich mehr fesselte als dieses bildungssprachliche Gefasel. Hinter der Maske des allgebildeten Grandseigneurs versteckte sich ein schwerer Melancholiker, der Mühe haben mochte, seinem Leben noch etwas abzugewinnen. Am schlimmsten war das Pedantische. Er suchte nach Fehlern und Ungenauigkeiten und fand sie. Wenn er keine fand, konstruierte welche. Selbst der Schöpfung – es ging um Blütenbildung bei Wildkräutern – wies er Unvollkommenheiten nach. Weit nach Mitternacht entließ er uns. Die Ilm plätscherte unter dem Licht des Mondes. Im Haus brannte noch Licht. Dort saß er nun allein und trank und sprach sicher gleich mit einer Büste oder der Kerzenflamme. „Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken“, hatte er einmal gesagt. Was wären wir bloß ohne diese geflügelten Worte aus seinem Mund und seiner Feder? Er machte aus allem Goethe, eine Nachschöpfung der Welt in Buchstaben. Daher vielleicht diese Traurigkeit.


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