Kaltstart

Das neue Jahr liegt lang und weit wie eine Rutschbahn oder eine Sprungschanze. Nur lädt der Januar nicht ein. Er ist statisch, kalt und abweisend. Niemand bewältigt routiniert diesen Monat eines vergeigten Neuanfangs. Jahr für Jahr dieses Stocken, dieses Ruckeln und Zuckeln, dieses Stottern. Wie soll man Fahrt aufnehmen oder Schwung holen, wie soll man leben? Antwort mit Gottfried Benn: „Man soll ja gar nicht.“ Mit dem Januar beginnt kalendarisch das Jahr, nicht das Leben. Es hat sich verkrochen und läßt sich Zeit. Der Januar ist dem Überleben gewidmet. Wer im Januar geboren wurde, ist abgehärtet, genügsam, zäh, streng zu sich selbst, pflichtbewußt, pessimistisch. Das Herz schlägt tief versteckt und wagt nicht zu hüpfen. Das Lächeln ist selten, denn das Lächeln ist eine Blume, die blüht. Dem Winter ist sie nicht gewachsen. Das Leben erscheint aus Sicht des Januars als eine maßlose Übertreibung und unfaßbare Verschwendung. Es ist viel zu viel, es nimmt nicht Vorlieb, es wirbelt herum und wirft sich hin, es tanzt und jubelt, es will mehr. Januar sagt knapp: Ich habe davon gehört.


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