Grenzen im Grenzenlosen

„Kommt all das Sektentum, besonders das heutige, nicht aus einer Unfähigkeit zur Verehrung? – Der Verehrung wessen? – Des Ganzen – des allgegenwärtigen offenbaren Geheimnisses. Sekten(un)wesen als Bedenk- und Gedenkschwäche? Daher die Vergötzung von Einzelheiten, von willkürlichen Teilen, ohne den großen Anteil? Die fundamentale Lieblosigkeit all der Sekten – und von daher deren fundamentalistische Feindseligkeit gegen das Grenzenlose? Das lieblose ständige Sichabgrenzen, Begrenzen, Grenzen-durch-die-freien-Lüfte-Ziehen, als Gegenteil der aufs Grenzenlose zielenden Phantasie und Erfindung?“

Dieser Gedanke Handkes läßt sich noch fortspinnen: Wenn das Ganze sinnvoll und wunderbar und geheimnisvoll ist und sich nicht ohne weiteres erschließt – wer könnte oder dürfte sich da herausnehmen und Behauptungen darüber aufstellen, wer gerechtfertigt ist und wer nicht? Denn zum Ganzen gehören alle und alles. Im Spiel und Widerspiel läge der Sinn der lebendigen Formen, die sich in ihren Bewegungen erproben und aufeinander einwirken. Die Sektierer hätten darin ebenso ihren Platz, auch wenn sie vielleicht am wenigstens verstehen, was vor sich geht. Derweil haben sie die Funktion, uns ein wenig zu prüfen. Wir sind Teil eines großen und bunten Schauspiels, in dem wir zugleich Akteure und Betrachter sind. Das ist ziemlich phantastisch.


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