Wert sein und schätzen

„Wir sind uns etwas wert“, habe ich weiter unten behauptet. Deshalb verscharren wir die Leichen nicht, sondern bestatten sie. Überhaupt wird mit Toten in aller Regel angemessen und würdevoll umgegangen. Auch das ungeborene Leben hat seine Verteidiger. Nur das lebendige Leben kommt schlecht weg. Daher das viele Gerede von den Menschenrechten und der Menschenwürde. Als habe der Zynismus gesiegt, demzufolge der Tote nicht mehr stört und das Ungeborene noch nicht im Weg stehen kann. Ist man erstmal heraus aus dem Schutz des Leibes, beginnt die Karriere eines Menschenlebens, die aus Behandlungen und Handlungen besteht: Erziehung und Bildung, Befehl und Gehorsam, Schutz und Schutzlosigkeit, Lob und Tadel, Widerstand und Bestrafung, Liebe und Mißachtung, Versuch und Irrtum, Erfolg und Niederlage, unverschämtem Glück und haarsträubendem Unglück und endlos weiter in diesem Takt.

Und die Würde? Ein kleiner einzelner Mensch stolpert los und lernt die richtigen und die falschen Schritte auf einem endlosen Weg durch die Tage des Seins. Eine anstrengende Angelegenheit, lang, nervenaufreibend, tückisch wie eine Schachpartie mit dem Teufel. Endlose Korridore mit Seitengängen und offenen und geschlossenen Türen und Treppen hinauf und hinunter. Manchmal fehlen die Geländer, dann wieder liegt eine Richtschnur auf dem Boden. Gähnende Abgründe und Durchstürze in tiefere Geschosse. Rampen führen in stallähnliche Bereiche mit Gattern und Selektion. Irgendwo angstvolle Schreie von Bedrohten, das gurgelnde Echo des Mordhandwerks. Ab in die Registratur, Papiere prüfen lassen. Ausgesondert, eingebürgert. Typfrage. Herkunft verdoppelt die Vorteile, wie auch die Nachteil.

Was ist ein Menschenleben wert – hier und dort oder woanders? Was geschieht, wenn wir auf einen Menschen stoßen, wie verhalten wir uns? Worin besteht seine Würde, konkret und nicht abstrakt (formelhaft)? Teilt sich das mit, kann ich das spüren? Ist er mir egal? Was bedeutet gleichgültig? Ich kann mich nicht um ihn kümmern, mich seiner nicht annehmen. Will es nicht. Doch ich sollte ihn behandeln, wie ich behandelt zu werden wünsche, wenn ich irgendwo bin, wo niemand mich kennt. Ich möchte nicht beleidigt, mißachtet, herumgeschubst oder geschlagen werden. Also: Wie gehen wir miteinander um, und wofür halten sich hier manche Kommandogeber und Funktionsträger und wie halten sie sich aus? Bei ihnen hat der Teufel die Partie bereits gewonnen. Er läßt sie noch ein wenig spielen und genießt ihren Hochmut.

Was sind wir uns wert? Das ist die Frage.


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