Die Geschichte des Jungen, der die Vergangenheit seiner Mutter kannte, da er deren früh verstorbener Vater gewesen sei, ist rätselhaft. Unabhängig davon, ob sie wahr ist oder sein kann (nahezu alles spricht dagegen), drängte sie mich dazu, über die Funktion des Vergessens nachzudenken. Das Neugeborene weiß nichts oder hat alles, was es einmal wußte, vergessen. Wenn ich versuche, mich eines Ereignisses aus früherer Kindheit zu erinnern, weiß ich nicht, woran ich mich erinnere: Sind es meine eigenen Bilder der fernen Situation oder jene, die ich mir nach Schilderungen der anderen geschaffen habe? Welche Zugänge gibt es? Offenbar finden Löschungen und Überlagerungen statt. Es kann jedoch passieren, daß auslösende Momente die ruhenden Eindrücke aufscheuchen, die mit einem Mal wach werden und auf die helle Bühne des Bewußtseins gezerrt werden. Gewisse Angstreaktionen korrespondieren mit Erfahrungen, die so schmerzhaft waren, daß sie „verdrängt“ werden mußten. Welche Erfahrungen das sind, beschäftigt die Analyse, die archäologisch arbeitet. In den tiefen Schichten des Untergrunds sind Entdeckungen zu machen, die das Selbstbild des einzelnen entscheidend verändern. Es ist wie ein Trip, sagte mir einer, der sich behandeln ließ. Zugleich der Eintritt in großen Schmerz und anschließende Erschöpfung. Nach den ersten Situngen taumelte ich herum wie ein Betäubter, sagte ein anderer. Es handelt sich nicht um eine Beichte, sondern um eine laufende Ermittlung. Ans Licht gebracht und erzählt werden soll die ganze Geschichte aus der Sicht des unzensierten Erzählers, der die empfindende Hauptfigur seiner unabgeschlossenen Erzählung ist. Ein gewaltiges Vorhaben, zugleich ein literarisches, da es auf Geschichten, Motiven, Symbolen, Sprache und Mitteilung beruht. Das ist kein Einwand, da das Leben aus der Sicht eines Menschen stets poetisch ist (was nicht gleichzusetzen ist mit ’schön‘).
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