Unter Irren und anderen

Diese seltsamen Redewendungen, mit denen wir leben: ein Gefühl geben …  Wie gibt man jemandem ein Gefühl? Sätze wie: Du mußt ihnen das Gefühl geben, daß du sie respektierst. Statt sie einfach zu respektieren. Niemand muß irgendwem ein Gefühl geben. Zum Glück. Wir fühlen immer noch selbst. Ich lasse mir auch keines geben. Wer hätte je jemandem ein Gefühl gegeben? Das hieße doch täuschen. Ich respektiere oder tue es nicht. Die Hure gibt dem Freier das Gefühl, sie empfinde Lust. Immerhin tut sie es für, nicht gegen ihn.

Du mußt ihnen das Gefühl geben, daß du sie verstehst. Solche Sachen schrieb sinngemäß Adolf Hitler in seiner stupiden Autobiographie, in der nichts zu erfahren ist, nicht einmal, ob es dem Autor ernst ist mit dem, was er schreibt, oder ob er parodiert oder paralysiert ist oder auf andere Weise abgelenkt, schwer gestört oder minderbemittelt. Kokain?

Letzter Tage erfaßte mich ein absurdes Mitleid mit Joachim Fest, dem verstorbenen Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der seine wertvollsten Jahre einem Mann widmete, der geistig steril, sinnlich amorph und politisch uninteressant war. Fest erlag der Faszination der Macht, des Dunklen, der er sich mit Buch und Film erwehren wollte. Er blickte in ein schwarzes Loch der Erkenntnis, in ein Nichts mit Masse und Gewicht.

In jener Zeit schrieb man auch Stalin- und Mao-Biographien. (Ich las sie, jung und dumm wie ein Adept des Schreckens.) Dieser Kniefall vor der Gewaltmacht: eine bürgerliche Gehorsams- und Unterwerfungsgeste, ursprünglich dem Adel (den Edlen) geschuldet, nun übertragen auf jene grobschlächtigen und einfältigen Typen, die annahmen, Gesandte des Weltgeistes zu sein und zugleich Vollstreckungsbeamte des Schicksals. Man (immer irgendein Volk, eine Masse, jedenfalls viele ohne Gesicht und besonderen Namen) trug ihnen an, was auf der Straße lag. Sie mußten es tun.

Joachim Fest hielt es auch für eine gute Idee, Albert Speer zu abendlichen Treffen des Frankfurter Bildungsbürgertums einzuladen und ihn als geläuterten Edelnazi vorzuführen (Marcel Reich-Ranicki hat darüber geschrieben). Das Bürgertum ist korrupt und eifert darin dem unerreichten Adel nach. Es beugt sich jeder Macht, da es selbst keine besitzt. Es ist und bleibt folgsam. Deshalb redet es unaufhörlich von seinen Werten und narkotisiert sich.

Wovon viel gesprochen wird – das fehlt und ist vermißt. Liebe. Gerechtigkeit. Frieden. Demokratie. Menschenrecht. Würde. Wir trudeln herum wie Herbstlaub im ersten Wirbelwind. Kommt jemand, der nicht mehr verhandelt, sondern handelt, fallen wir in Ohnmacht. In diesem Überraschungsmoment liegt der Vorteil der Irren. Zum Glück bremsen sich die Irren gerade gegenseitig aus.


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