Nicht die Leute erschrecken

Ich verfolgte einen Dieb, der mir eine Blume gestohlen hatte. Während ich ihm nacheilte, verliefen wir uns in einem Baumarkt und landeten im Gartencenter. Er zeigte wild gestikulierend auf die schönen Blumen, auch auf die bunten Packungen mit den Samen. Ich stolperte über eine grüne Gießkanne und wurde nun meinerseits verfolgt. Leute mit grünen Kitteln, die sogenannte Gärtner waren. In ihren Händen hielten sie Heckenscheren. Ich kletterte in ein Regal für Stangen und Bretter und sah, wie sie unter mir vorbeizogen und mit ihren Scheren in die Luft schnappten. Sie trugen kastenförmige Hornbrillen und grinsten voller Vorfreude. Der Blumendieb war verschwunden. Er hatte mich in diese Klemme gebracht. Sollte ich wie ein Affe von Regal zu Regal klettern oder unter der Decke der Verkaufshalle an den Versorgungsleitungen entlang hangeln? Ich sah auf die Uhr, doch sie zeigte nichts an. Die Zeiger schwirrten im Kreis wie wildgewordene Kompaßnadeln. Kein Wunder, dachte ich, hier war überall Metall. Ich strich über ein Holzbrett, Fichte. Niemand war mehr zu sehen. Hatte der Baumarkt geschlossen? Ich kletterte aus meinem Versteck und irrte durch die Gänge. Dort war der Ausgang, hinter mir hörte ich Schritte – die sogenannten Gärtner mit ihren Scheren. Sie kamen näher. Ich hatte den Ausgang erreicht, passierte die Lichtschranke, prallte gegen Glas und stürzte zu Boden. Die sogenannten Gärtner drehten um, lachten schäbig, verschwanden hinter einer Stellwand. Die Glastür öffnete sich. Der Blumendieb stand über mir und bewegte die Lippen. Ich verstand kein Wort. Entweder war er stumm oder ich war taub. Immerhin half er mir auf und reichte ein Taschentuch. Aus einer Stirnwunde, die ich vorsichtig betastete, blutete es. Er stellte vor mir die Blume ab und ging. Ich erkannte sie nicht wieder. Vielleicht hatte sie die Farbe gewechselt, Blütenblätter verloren oder neue ausgebildet. Ich wollte rufen, doch es gelang mir nicht. Ich war stumm und offenbar auch taub, denn auf dem Parkplatz vor dem Markt fuhren Autos, parkten ein und parkten aus. Einkaufswagen wurden über den Asphalt geschoben, die hätten rasseln müssen. Sie rasselten aber nicht. Als hätte jemand den Ton ausgestellt. Ich nahm die Blume auf und klemmte sie unter den Arm. Ich machte mich auf den Heimweg und preßte das Tuch an die Stirn. Ich wollte niemanden erschrecken mit meinem fraglos grausigen Anblick. Die Szene erinnerte mich an früher, ganz früher, als ich ein Loch im Kopf hatte.


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