Gestern konnte ich mich gut amüsieren, als ich zuhörte, wie zwei Frauen meines Alters über „die Jugend“ sprachen, und zwar über diejenige Jugend, die unser Viertel heimsucht und mitgestaltet. Die Jugend grüßt nicht, wenn sie eine Kneipe betritt. Wir hätten noch gelernt, daß man das tut. Die Jugend schaut weder nach rechts, noch nach links, sondern nur auf das blöde Smartphone. Zudem trägt sie Kopfhörer und bekommt nicht mit, was um sie herum passiert. Die Jugend ist unhöflich und unaufmerksam, arrogant und verzogen. Die Jugend denkt knallhart nur an Karriere. Alte Klagen, Klagen des Alters. Die gleichen Sätze hätten vor fünfzig Jahren gesprochen werden können, einzig das Smartphone und die straßentauglichen Kopfhörer sind neu. Seit zwei- bis dreitausend Jahren stimmt jeweils irgendetwas nicht mit der Jugend, und trotzdem sind wir alle hier und leben ein erträgliches Leben. Was also spricht sich aus in solchen Klagen? Der allmähliche Abdankungsprozeß von Leuten, um die herum eine Welt fremd wird, oder der Selbstbehauptungswille eines Wertekanons? Manches läßt sich aufklären: Als wir die Jugend waren, bestand unsere allererste und wichtigste Aufgabe darin, cool zu sein. Man ging blicklos in eine Bar oder Diskothek und würdigte niemanden eines Blickes. Das war unter unserer Würde. Wir hielten die meisten Älteren oder Alten für Trottel oder arme Zurückgebliebene. Wir dachten, uns gehört die Welt, wir seien schließlich die Zukunft. Vielleicht hatte man uns gut erzogen, doch mit dieser guten Erziehung kam man nicht weit. Brav waren wir nie oder wollten es nicht sein. Vielleicht waren wir sogar brav, alles in allem. Über uns standen die nervigen Achtundsechziger, die uns dauernd erklärten, daß die Jugend rebellisch sein müsse. Sie wiederholten das mit solch penetranter Inbrunst, daß wir ihnen in die Eier hätten treten müssen. Wir winkten nur ab, ja ja. Nun also die neueste Garnitur Jugend unterwegs, sofern sie schon volljährig und geschäftsfähig ist. Sie, die Jungen, müssen es wuppen, und wir sind auch noch da und wissen sogar ein wenig. Was brauchbar ist, wird sich durchsetzen. Es ist schön, in Frieden zu leben.
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