Henry Miller II

Von Anaïs Nin stammt die Aussage, Miller nehme seine Umwelt verzerrt wahr. Unter seinem Blick gerate ein jeder zur Karikatur. „Henry ist ein Sinnenmensch, ein Anarchist, ein Abenteurer, ein Zuhälter, ein verrücktes Genie“, „ein freundlicher Wilder, der sich nur von seinen Launen und Stimmungen, seinen Rhythmen leiten läßt und die Stimmungen und Nöte der anderen nicht bemerkt“. Sie schrieb auch: „Seine Obszönitäten ermüden mich“. Ich meine, daß um diese Obszönitäten etwas zu viel Wind gemacht wurde. Miller als Skandalautor, wie andere vor und nach ihm. Nun, er bevorzugt die kräftigeren Bezeichnungen. Ich schätze Miller als Antidepressivum, als wirksames Gegengift. Zwei, drei Sätze Miller, und ich bin geheilt. Als habe jemand die Türen und Fenster weit aufgerissen und alles Erstickende und Bedrückende sei aus dem Raum geweht worden, auch das Muffige und Abgestandene überkommener Gewohnheiten und Betrachtungsweisen. Miller verschafft mir augenblicklich gute Laune. Er kratzt und buckelt sich nicht an die Tafel der hehren Kunst, möchte keinem Kritiker gefallen, nicht seinen Lesern, nicht einmal sich selbst. Darin liegt etwas Erfrischendes. Er ist Ekstatiker, ein Trunkener, ein Narr und hat sich von diesem aufgeblasenen 20. Jahrhundert nicht fertigmachen lassen. Er hatte keine Zeit, sich mit Kriegen und Diktatoren zu beschäftigen.


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