Zuweilen ein Mensch, siehe da. Echtes Erstaunen. „Ich rede in letzter Zeit nur noch mit Automaten“: Aussage einer guten Freundin aus der nicht guten Zeit, als ich einen Ausweg suchte aus der Beklemmung und Verengung, in die ich mich selbst hineinbugsiert hatte. Ich war achtundzwanzig Jahre alt und halbtot. Ich war die arme Maus aus dem Eintrag weiter unten. Ich glaubte an meine Verzweiflung, nein, falsch: die Verzweiflung glaubte an mich. Sie hielt mich und drückte zu.
Die Freundin war noch übler dran, in ihrem Umfeld gab es nur Physiker, lauter trockene Typen mit infantilen Lebensvorstellungen (zugegeben: Leben ist nicht unbedingt ihr Metier), abgestandenen Witzen über Frauen und Männer und drei Weisheiten, die sie von ihren Vätern oder Onkeln oder Professoren aufgeschnappt hatten. Für die Freundin war Ebbe, sie hörte schon gar nicht mehr hin, wenn einer ihrer Kommilitonen oder Promovenden etwas von sich gab. „Kann ich gleich ein Fachbuch lesen“, sagte sie.
„Was war zuerst da“, fragte mich der gute Freund und Verleger Wehrhahn in Hannover, „all diese Typen, die aussehen wie aus Gute Zeiten, schlechte Zeiten, oder die Serie selbst?“ Das war kurz vor der totalen Sonnenfinsternis am 11. August 1999, als ich mit meiner Nachbarin in den Georgengarten lief und der Boden voller Halbmonde war, gerade so, als seien wir, die Zeugen dieser himmlischen Zauberei, sämtlich arme Waisenkinder und bekämen Sterntaler geschenkt und hätten uns nur zu bücken, um die Silberschätze aufzulesen. Wer glaubt noch an Zeichen und Wunder? (Ich weiß nicht, was die Nachbarin nun macht. Damals heiratete sie gerade oder hatte es vor.)
„Interessiert mich nicht, was die sagen“, sagte der altgediente Fahrensmann unzähliger Selbstbegegnungen und unfertiger Gesellenstücke der Selbstvernichtung. Er sprach von den Zeitgenossen, unter denen er sich einsam fühlte, weil die Liebe fehlte und mit ihr der Sinn. Ich saß daneben, sagte nichts oder wenig oder lenkte ab. Schwer zu sagen, wer die sind. Schwer zu sagen, wer wir sind. Siehe da, ein Mensch, dachte ich kürzlich. Wie sehr das beruhigt, wie tief das geht. Als dürfe endlich wieder geatmet werden. Vorher gewisse Geräusche der Lunge, die nichts weiter besagten, als daß der Organismus sich noch organisiert, demnach Luft ein- und ausströmt.
Ich dachte nicht an Nietzsche und sein tolles Selbstbildnis von 1888. (Ein Ertrinkender wirft sich in die Flut aus Buchstaben und Sinnbildern, ein letztes Mal blitzt der Verstand auf und zügelt die feurigen Rosse. Es beginnt die letzte Fahrt.) „Siehe da, ein Mensch“ bedeutet etwas ganz anderes. Der innere Ausruf birgt ein Erstaunen und tiefes Erschrecken, darüber nämlich, daß wir derart dürsten, daß wir unseren Durst vergessen.
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