Der gestrige Fußballabend regt zu schönem Denken an und provoziert allerlei Fragen. Wer spielt dort gegen wen, wenn auf der Anzeigetafel „Italien-Deutschland“ steht? Die Spieler betreten als Stellvertreter ihres Landes den Rasen und sollen herausfinden, wer besser ist. Die Zuschauer bangen und hoffen auf den Sieg – als sei der Sieg der Mannschaft auf dem Feld ein eigener Sieg. Sie wollen sich die Stärke ihres Landes zeigen und beweisen lassen. Deshalb sind die Partien auf dem Rasen von starker Symbolik getragen. Da wird nicht nur Fußball gespielt, wie einige meinen. Würde dort nur Fußball gespielt, wäre die Veranstaltungen eine Angelegenheit fürs Fachpublikum, vergleichbar einer Messe oder Tagung. Die Spiele auf dem Rasen stehen für das Ringen um Anerkennung. Jedes Land braucht Helden, da die Menschen selbst ja nicht heldenhaft sind, sondern eher zaghaft, oft auch feige. An seinen Helden richtet sich ein Land auf, versucht es zumindest. Gegen Italien in Turnieren fußballerisch stets zu unterliegen, nagte am Selbstwertgefühl des deutschen Fußballkollektivs. Daher das Gerede und Geraune von Trauma und Angstgegner. Aber so funktionieren Geschichten nun einmal. Wen interessiert eine langweilige Wahrheit, wenn es die spannendere Erzählung und den Mythos gibt. Der Zuschauer fiebert, als werde sein eigenes Schicksal entschieden. Denn das ist der Sinn des Ländervergleichs, daher die Hymnen, die Inbrunst, das Augenschließen, der Blick nach oben, die Bekreuzigungen, das Rasenstreicheln, die stillen Gebete. Es geht um alles, wie im Drama. Die große Bühne ist der Schauplatz der wirklichsten Wirklichkeit, die es gibt. Auf ihr wird vor zahlendem Publikum gehandelt, gekämpft und gewonnen. Auf ihr können die Helden zeigen, was in ihnen steckt. Sie können sich unsterblich machen oder zu Tode blamieren. Symbole sind mächtig. Deshalb kann man sie auch fürchten. Einige möchten sie verbannen, doch dann werden sie noch mächtiger und wirken als Tabu. Gleich treffen die isländischen auf die französischen Helden. Das wird ein Kampf.
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