Bei einigen liegen die Nerven blank. Ich erlebte es beim Anschauen des Fußballspiels am Donnerstagabend. Als habe etwas sie erfaßt, ein inneres Beben als Antwort auf die äußeren Erschütterungen, die den Kontinent der Stabilität und Sicherheit zeitverzögert heimsuchen. Fußballspiele emotionalisieren. Scheiß Deutschland oder über alles in der Welt. Dazwischen sollte genug Platz sein. Doch was gibt einem, der seismographisch spürt und mit dem, was er spürt, nicht fertig wird oder nicht weiß, woher sein eigenes Zittern kommt, denn Halt und Sicherheit? Ich meine, es wäre die Beobachtung. Insbesondere die der eigenen Gedanken, Gefühle, Handlungen und Haltungen. Da die meisten Menschen aber dazu neigen, ihre inneren Impulse in äußere Bewegung zu übersetzen, kann man eine ganze Menge Verrücktheit studieren. Im Einzelfall ist sie bedauernswert, aber nicht bedrohlich. Erfaßt der Wirbel ganze Bevölkerungsgruppen und Landstriche, ist Vorsicht geboten. Schnell putschen sich die Frustrierten und Entrechteten auf und wollen endlich Blut sehen. Die Hauruckhaltung hält Einzug, beilschlagartig werden Themen in zwei Teile zerhauen – dafür oder dagegen. Es bleibt nicht bei den Themen – auch die Bekannten und Unbekannten werden derart sortiert. Für Nachdenklichkeit ist dann kein Raum mehr, denn die läßt zögern, und ein Zögern können sich die Losgelassenen nicht leisten. Die Wut weiß genau, daß sie verkocht. Doch vorher möchte sie ihren Rausch der Empörung zelebrieren. So kommt sie zu ihrem Selbsterlebnis. Deshalb fühlen sich die Rasenden auch gut und gerechtfertigt. Endlich alles rauslassen. Die innere Erleichterung des Tobenden ist die Belastung und Störung der Ruhigen. So ist das.
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