Im Vollbesitz der geistigen Kräfte

Auf den Straßen vom Leben lernen, in der Bahn heute vom Aufbereiteten. „Horror-Mutter wollte ihre toten Kinder bei sich haben“ – „So radikal sind die ISIS-Teenies“. Schlagzeilen-Prosa der Bild, Ausgabe 14.7.2016. Die Frau, die das las, war vertieft und schaute, als sei das geöffnete Blatt ein tiefer Brunnen der Weisheit. Vielleicht suchte sie auch nach dem Sinn dessen, was geschrieben steht. Die ISIS-Teenies sind eine Band aus einem Vorort von Los Angeles, doch die Geschichte aus Wallenfels/Frankenwald führt in ausweglose Hilflosigkeit. Das Haus, in dem die acht Babyleichen gefunden wurden, ist eines jener wärmegedämmten und weißverputzten Stätten west- und nachkriegsdeutscher Wohnlichkeit. Die Jalousien rattern herunter, wenn es draußen dämmert. Weiße Gardinen schützen tagsüber vor Einblick. Die Haustür ist wie aus dem Baumarkt, sie sperrt fugendicht aus. Da zeigt das seelisch kaputte Deutschland sein Gesicht, man sieht nichts. Leben ist durchaus unerwünscht, auch wenn anderes behauptet wird. Der ästhetische Schrecken leitet weiter zu dem der Tat. Doch diese psychisch kranke Frau, die jetzt vor Gericht steht, eine Horror-Mutter zu nennen ist erbärmlich und pöbelhaft. Die Tötung der Neugeborenen, nachdem sie wieder und wieder schwanger wurde, geschah sicher nicht im Vollbesitz ihres Verstandes oder sonst einer Fähigkeit – ganz anders als die Schlagzeilenproduktion in der gestrigen Schreib- und Redaktionssitzung der Bild. Die Redakteure dort werden fürstlich dafür entlohnt, daß sie das Häßliche, Gemeine und Dumme im Menschen bedienen. Vermutlich sollen sie es auch kanalisieren – sagen sich das oder lassen sich das sagen. Daher der Dank und die Zustimmung von oben.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Im Vollbesitz der geistigen Kräfte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert