Abendliches Telefongespräch über die „westliche Wertegemeinschaft“ und ob sie sich darin darstellt, nackt im Park liegen zu dürfen. Etwas jedenfalls wird sich hinter den nach oben gestreckten Worttafeln befinden müssen: ein Gehalt, ein Wissen, eine Substanz. Auf den Tafeln stehen Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, Rechtstaatlichkeit, Wohlstand, Fortschritt, Wachstum, Sicherheit, Toleranz, zuweilen noch Gleichheit oder Gleichberechtigung, Frieden und keine Gewalt. Dieser Wunsch- und Zielerklärung eines auf den ersten Blick vernünftigen gesellschaftlichen Lebens müßte ein Lebensstil eignen, der sich erkennbar zeigt. Tatsächlich ist dies der Fall, und meinetwegen zählt das Nackt-im-Park-Liegen dazu, seit etwas mehr als einer Generation. Die ökonomischen Grundlagen dieses Lebensstils, den man einen bürgerlichen nennen muß, werden zu einem nicht geringen Teil durch jene erwirtschaftet, die nicht an den Vorzügen des Systems teilhaben, sei es, weil sie außerhalb des Geltungsbereichs der Wertegemeinschaft arbeiten und leben, sei es, daß sie innerhalb der Grenzen im ungesicherten unteren Drittel wirtschaften, wo man sich von Parolen schwer wird ernähren können. Es ist die Doppelgesichtigkeit der westlichen Wertegemeinschaft, die eine nähere Betrachtung verdient – gerade jetzt, da sie sich in einer Krise nicht unerheblichen Ausmaßes festgefahren hat und ihre Institutionen, beispielhaft Nato und EU, freizudrehen scheinen (Zahnräder, die nicht mehr greifen; Laufbänder, die nicht mehr laufen). Ihre Gegner rüsten auf und werfen sich in Positur, teils martialisch, teils verzweifelt. Sie erkennen nur die Verworfenheit, und anhand ihrer identifizieren sie unsere durchaus eitle Wertegemeinschaft als einen Pakt des Bösen zur Ausbeutung und Unterdrückung der Anderen. Die Anderen sind die Ausgeschlossenen, deren Aufgabe im Durchhalten, Abseitsstehen und in der Chancenlosigkeit zu bestehen scheint. Es ließe sich ohne größere Umstände von einem globalen Klassenkampf sprechen, nur daß die Aufständischen sich niemals zu einem Klassenbewußtsein zusammenfinden werden. Man müßte beispielsweise den Zusammenhang von Ökonomie und Religion verstehen lernen oder denjenigen zwischen Freiheit und Sicherheit, zwischen Obszönität und Wohlstand. Doch in der Unruhe der Augenblicke verschwimmen die Bilder und tanzen die Begrifflichkeiten. Die Redaktionen und Sprechergesichter der Medienanstalten ziehen die Sache routiniert durch. Das Mitgefühl in ihren Gesichtern – sie zeigen sich vor der Kamera menschlich oder sind es. Es herrscht der große globale Krieg. Er bricht allerorten aus, flackert auf, scheint zu erlöschen, erneuert sich, hält an. Es wird viel gestorben, die Statistiker zählen mit. Heute abend ins Kino, anschließend Biergarten. Das Leben geht seinen Gang.
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