Aufgescheucht (Hummel)

Warum will er die Hummel nicht lassen? Sie sitzt auf der Fensterdichtung der Schnellbahn und krabbelt vorsichtig entlang der glatten Scheibe. Draußen gleißendes Licht, drinnen das matte Grau des öffentlichen Nahverkehrs. Mittagszeit, er zieht durch die Züge, fragt nach Zigaretten, hat Schmacht. Seine Klamotten sind zerfetzt, er trägt Schwarz, lebt Tag und Nacht draußen, ist gebräunt, fast verbrannt, hat einen sitzen, spricht viel, sagt: Ach schau an, eine Hummel, die kann doch raus, warte. Die Obdachlosenzeitung wird zum Werkzeug, er schiebt die Hummel, wischt nach ihr, will sie partout bewegen. Hummeln stechen nicht, sagt er und tritt zwischen die sitzenden Fahrgäste, um der Hummel näher zu sein. Die Sitzenden springen auf, sei es aus Furcht vor der Hummel, sei es aus Furcht vor der Zudringlichkeit dieses abgehalfterten Retters. Nachdem er sie endlich aufgescheucht hat, irrt die Hummel durch den Waggon und setzt sich an anderer Stelle nieder, aufgestört und orientierungslos. Er aber, der Urheber und Meister dieses Wirbels, schlurft längst weiter, fragt nach ner Kippe, rechts hin, links hin, lacht, stolpert, lacht noch mehr. Was es bedeutet, aufgescheucht zu werden, dürfte von uns allen er am besten kennen.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Aufgescheucht (Hummel)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert