Die Verletzung

Paul Austers Winterjournal. Darin die Geschichte der Narben, die Schilderung der Kindheitsunfälle. Zum Beispiel die des Nagels, der das halbe Gesicht aufschnitt. Die gute Arbeit des Chirurgen, der es wieder zusammennähte usw. Ich lasse mir das Buch von Burghart Klaußner vorlesen, muß die Unfallkapitel aber nach kurzem Zuhören überspringen. Meine Überempfindlichkeit. Weder kann ich Blut sehen noch den Heldenerzählungen der Kinder lauschen, wenn sie stolz berichten, warum sich eine lange Narbe über ihren Unterarm zieht, die aussieht, als habe man im Innern etwas gesucht und immer weiter öffnen müssen, um noch das letzte Versteck ausfindig zu machen. Ich denke an eine Erbsenschote, die mit dem Daumennagel der Länge nach aufgezogen wird usw. Das ist peinigend, und ich bin so froh, daß es Menschen gibt, die solche Wunden versorgen können und denen es nichts ausmacht, wenn dort alles rot ist und sehr feucht. Während ich dies schreibe, krümme ich mich und wippe hin und her wie ein unter Hospitalismus leidendes Kind. Es ist schlimm, sich etwas gut vorstellen zu können, und zwar so gut, daß man selbst das Opfer ist. Ich sehe also diesen langen Nagel, auf den der kleine Paul auf dem glatten Boden der Halle zurutscht, und lasse mir von diesem Bericht das Gesicht zerschneiden. Vielleicht ist es sogar besser, wenn es mein Gesicht ist und nicht seins, dann muß ich es nur fühlen, nicht aber sehen. Das Sehen ist nämlich das Schlimmste. Kinder sind hart im Nehmen, ich bin es nicht.


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