Programmatisch erhaben

Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit ist soeben erschienen. Der Leseprobe nach ein wuchtiges Buch. Der Verlag wirbt mit einem Zitat des Kritikers Andreas Platthaus, der durch die Wucht der Worte ins Stammeln geraten sein muß: „Was für eine Kunst! Weltliteratur.“

Ransmayr beginnt so:

„Cox erreichte das chinesische Festland unter schlaffen Segeln am Morgen jenes Oktobertages, an dem Qiánlóng, der mächtigste Mann der Welt und Kaiser von China, siebenundzwanzig Steuerbeamten und Wertpapierhändlern die Nasen abschneiden ließ.

Nebelbänke zogen an diesem milden Herbsttag über das glatte Wasser des Qiántáng, dessen sandiges, in Nebenarmen zerfließendes Bett von mehr als zweihunderttausend Zwangsarbeitern mit Schaufeln und Körben vertieft worden war, damit gemäß den Wünschen des Kaisers ein Fehler der Natur korrigiert werde und dieser Fluß, schiffbar gemacht, das Meer und die Bucht von Háng zhōu mit der Stadt verbinde.

Das Nebeltreiben verbarg das Schiff des Ankömmlings immer wieder vor den Blicken der Menschenmenge, die sich auf dem dicht am Hafen gelegenen Richtplatz versammelt hatte. Nach dem Polizeiprotokoll waren es zweitausendeinhundert Zuschauer, Zeugen der Unfehlbarkeit und Gerechtigkeit des Kaisers Qiánlóng, viele von ihnen festlich gekleidet, die den Auftritt des Scharfrichters plaudernd oder ehrfürchtig schweigend erwarteten und dabei den Dreimaster aus den Flußnebeln heranschweben, immer wieder darin verschwinden und mit jedem neuerlichen Auftauchen bedrohlichere Gestalt annehmen sahen. Was für ein Schiff!“

Wer ist der Erzähler? Wo befindet er sich, wann lebt er, warum spricht er von „Zwangsarbeitern“? Es ist die Stimme eines Filmerzählers aus der Gegenwart, der seine Version einer Geschichte anbietet und deshalb überall sein kann: im Kopf der Menge, des Kaisers oder des ankommenden Engländers. Er ist jemand, der eine historische Vision anbietet, falls es so etwas geben kann.

Der Kritiker des Tagesspiegel, Christoph Schröder, schreibt: „Es ist gleichgültig, ob er [Ransmayr] über die brutale Folterung zweier Gefangener oder über den Anblick einer verschneiten Waldlandschaft schreibt – die Sprache bleibt sich gleich. Wer Ransmayr Kitsch vorwirft, zielt damit auf den Ton des Erhabenen, der hier gepflegt wird und der in seiner radikalen Ästhetisierung sämtliche Erscheinungsformen der Welt, den Schrecken wie die Schönheit einschließt.“

Der Ton des Erhabenen … Ja, es mag sein, daß Ransmayr ein solcher Ton vorschwebt. Etwas Unverrückbares und Undiskutierbares wie die Berge oder das Meer. Stets geht es bei ihm gewaltig und absolut zu, gemeißelt gleichsam, für die Ewigkeit – „die Sprache bleibt sich gleich“.

Ich weiß nun, warum ich die Die letzte Welt nicht bis ans Ende lesen konnte und Morbus Kitahara dreißig Seiten lang folgte, um es endlich resigniert zur Seite zu legen. Die Welt ist felsig und hart, aber nicht nur. Menschen erscheinen meist wie etwas, das sie nicht sind. Was sie wirklich sind, erscheint vielleicht nie. Aber das weiß Christoph Ransmayr gut genug. Er wird weiter Steine ins Blickfeld wuchten, selbst wenn sie aus Pappmaché sein sollten.


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