Überall auf der großen weiten Erde wünschen sich die Menschen Frieden. Allein die Beauftragten des Volkswillens oder der einzigartigen historischen Mission oder des unbedingten Gottesbefehls oder der Sicherung des Volkswohls durch Annexion lebenswichtiger Landstriche oder Güter denken in den Kategorien militärischer Gewalt. Sie berauben die Nachbarstaaten des Wassers, beanspruchen strategisch wichtige Plätze, rauben oder hungern ganze Landstriche aus, wenn sich dies irgendwo gutschreiben läßt. Denn des einen Plus ist des anderen Minus.
Ich trinke fair gehandelten Kaffee und frage mich wie ein Kind, warum es unfair gehandelten Kaffee gibt. Wie kann es einem Menschen gefallen, einen anderen durch Abhängigkeit gefügig zu machen? Wie findet man Gefallen an einem Wohlstand, der auf der Erniedrigung oder sogar Vernichtung anderer beruht? Antwort: Man sieht nicht so genau hin, man bestreitet das Problem, man redet die Lage schön: Immer noch besser als gar nichts … Sollen die Leute doch Kuchen essen, wenn es an Brot mangelt. Sollen sie doch froh sein, daß sie Arbeit haben. War dieser Haltung nicht einst ein ganzes Buch gewidmet: Kritik der zynischen Vernunft? Peter Sloterdijk, ihr Autor, nannte den Kapitalismus ein „System der Selbstaushöhlung“.
Wir sehen den Kapitalismus unvermindert am Werk. Er ist das Gesetz des wirtschaftlichen und sozialen Handels. Er ist der Imperativ der Ausbeutung und Selbstausbeutung. Da er aber über kein echtes Wesen verfügt und nur abstrakt existiert, könnte man ihn eine Gottheit nennen. Sie zieht Furcht und Glauben auf sich, Liebe und Haß. Eine Gottheit des Wettkampfs und der Konkurrenz, deren Hauptziel die Ausweitung der jeweils eigenen Verfügungsgewalt, also die Penetration und Beherrschung der Märkte, der Körper und der Seelen ist. Eine Gottheit der totalen Kaufmannslogik (billig einkaufen, teuer verkaufen), der bewußten Vergeßlichkeit (alte Verdienste zählen nicht), einer eigenwilligen Buchführung (ökologische, kulturelle, soziale und für den Aggressor irrelevante ökonomische Folgekosten tauchen in ihr nicht auf) und der verbrannten Erde. Eine Gottheit des Eigennutzes als Prinzip und eines unter Feuer gesetzten und in Gang gehaltenen Entwicklungs- und Wirtschaftskriegs. Eine Gottheit der Übersteigerung und Überanstrengung aller Akteure. Eine Gottheit der permanenten Revolution.
Man hat ihn ein System der Unvernunft genannt. Die Verrücktheit ist systemisch und methodisch. Mit großem Gebrause erscheint ein neuer Investor. Ist er noch nicht erschienen, wird er erwartet wie ein Erlöser. Er wird Arbeitsplätze schaffen und Wohlstand bringen. Aber er stellt Bedingungen und fordert einschneidende Maßnahmen. Du sollst dein Verhalten ändern, deine Einstellungen überprüfen, deine Lebensziele neu justieren, dankbar sein und gehorsam. Welcher Landstrich sollte als nächstes erlöst und angeschlossen werden an den großen Blutkreislauf des Geldes? Schauen wir auf die Karten, vergleichen wir die verschiedenen Indizes. In meiner Heimat bekamen wir 1975 ein Atomkraftwerk spendiert. Das brachte uns weit nach vorn. 1977 gabe es „die Schlacht um Grohnde“, 2021 geht der störanfällige Reaktor vom Netz. Im Umkreis von 10 Kilometern leben 80.000 Menschen. Postkartenmotiv auf Wikipedia: Kernkraftwerk: Grohnde im Winter. Auf der Weser treiben Eisschollen.
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