Zum wiederholten Male lausche ich den Unterhaltungen italienischer Berlinbesucher in der Bahn und vergleiche kurzerhand

Wenn ich höre, wie Italiener sich in ihrer Muttersprache unterhalten, spüre ich die Liebe und den Genuß, die das Sprechen ihrer Sprache ihnen bereitet. Als machten sie sich gegenseitig ein Geschenk. Ein Geschenk, das die Sprache ihnen schenkt. Sie sprechen selten gehetzt, achten auf die Satzmelodie und betonen sorgfältig. Als gäben sie sich gegenseitig ein kleines Konzert der Wärme und des Wohllauts. Es klingt kein bißchen angeberisch oder auftrumpfend, sondern nach Genauigkeit und Behutsamkeit in einem. Wenn Deutsche dagegen anfangen, Italienisch zu sprechen, klingt das augenblicklich falsch, gekünstelt und anmaßend. Als hätten sie keine Ohren. Und wir unter uns in unserer Sprache? – fallen uns ins Wort, hören nur zu, um möglichst schnell selber loslegen zu können, mißachten die Form und den schönen Klang, der auch aus dem Deutschen zu gewinnen ist. Wir sind diesbezüglich, zweihundert Jahre nach Hölderlin, hundert Jahre nach Rilke, Grobiane und Rabauken geblieben. Hauptsache, man kann etwas loswerden, egal wie, zur Not brüllt man sich an. Das ist barbarisch und kaum mehr als Notdurft. Wir benötigen eine nationale Anstrengung für die gesprochene und die geschriebene Sprache, für Melodie, Schönheit und Genauigkeit. Doch wer will solches unternehmen, wem ist dies etwas wert? In unserer Gremien- und Kommissionsdemokratie würde das Anliegen schnell zermahlen werden. Es muß von unten kommen, von oben fließt es ab.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Zum wiederholten Male lausche ich den Unterhaltungen italienischer Berlinbesucher in der Bahn und vergleiche kurzerhand

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert