An den Losungen vorüber

Wer liest diesen Scheiß eigentlich? fragte ich mich, als ich an verstaubten, endlos langen roten Bannern vorbei lief, die zu etwas aufforderten, was weder in der Zuständigkeit noch im Vermögen eines einzelnen Menschen liegt. „Vorwärts im Kampf für den Sieg der Arbeiterklasse!“ Vorwärts wohin? Auf den Gehwegen lagen zerschmetterte Ziegel und herausgebrochene Steine der verlassenen oder halbverlassenen Mietshäuser aus der Gründerzeit, hoch oben in den Dachrinnen wucherten wilde Birken.

Manche Fenster waren zugemauert, woanders ging der Wind aus und ein. Sommer 1985, Altbausubstanz Leipzig, Oststadt, Comeniusstraße und andere. Vorsicht, herabfallende Dachziegel. Zur Seite auf die Straße, wo sowieso kein Auto fuhr. Immerhin fallen Dachziegel senkrecht und schießen nicht in hohem Bogen auf das Kopfsteinpflaster der Fahrbahn, Bausubstanz der vorsozialistischen Ära, welcher auch immer. Sogar die Menschen staubgrau oder staubbraun, mit ihren schlaffen Einkaufstüten und den müden Schritten, als seien sie die nächsten Kandidaten für The Walking Dead, ein Vierteljahrhundert zu früh.

Ich bekam auch Antwort: Diesen Scheiß liest hier niemand, er bedeutet auch gar nichts mehr. Die Zone war komplett erledigt, fast schämte ich mich. Da sollten wohl einstmals die Kollektive sich angesprochen fühlen. Doch es war Zeit verstrichen, man kam dort auf keinen grünen Zweig mehr, nicht Mitte der achtziger Jahre. Es gab auch keine Hoffnung, und ausgerechnet diese Hoffnungslosigkeit mußte ich besichtigen. Sie schmeckte nach rieselndem Sand und sah aus wie ein Flaschenbier mit Schwebstoffen darin. In den Kneipen die Arbeiter, derbe Witze, Blicke auf mich und meine helle Wildlederjacke. Wo kommsten du her?

In diesen Ruinen lebten Menschen, die ich liebe. Sie hielten sich aufrecht und lachten viel. Sie lehrten mich Tapferkeit und schöne Traurigkeit, die sich wie von selbst einstellt, wenn man wider alle Vernunft leben möchte. Einmal waren wir draußen in einer Landschaft: ein Flußtal, grüne Wiesen, ein Tisch im Garten unter Obstbäumen, wirkliche Gespräche, Fragen und Antworten, Vertrauen, Austausch dessen, was man weiß oder wissen kann.

Zurück in Hannover sah ich meine westdeutschen Mitbürger mit ihren angeberischen Sonnenbrillen fickbereit in ihren angesagten Straßencafés in die Sonne blinzeln und sagte vor mich hin: So geht das nicht. Wie konnte es sein, daß „der Westen“ sich einen Scheiß für den Osten interessierte und sie im Osten nicht wußten, wie so eine rammelvolle Fußgängerzone aussieht, in der es alles zu kaufen gibt, bis man nicht mehr kann. So geht das nicht bezog sich auf beide. Deutschland ’85, ein vampiristisches Manifest.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

An den Losungen vorüber

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert