Andere Sitten

12 Uhr 25, Medikamentenausgabe in der U-Bahnstation Yorckstraße, es ist Donnerstag, die kleine Heerschar der Patienten tanzt an und erwartet den Boten. Er kommt mit der U7 gefahren vom Hermannplatz, sie strömen ihm zu. Vorher haben sie Geld gesammelt und gespart, mühsam auch gewechselt, denn er akzeptiert kein Kleingeld. Er nimmt nur Scheine, nur für Scheine gibt es Ware. Ihre Gesichtshaut ist fahl, ihre entzündeten Augen haben dunkle Ränder. Ihre Sehnsucht gleicht der der Pilger, die halb Europa durchquerten auf der Suche nach Heil und Erlösung. Sie fiebern wie erschöpfte Gläubige. Da öffnet sich die eigelbe Tür der Bahn, und ER tritt an sie heran und segnet sie keines Blickes. In diesen Katakomben gibt es einen Platz, den niemand einsehen kann. Dort findet die Ausgabe statt: erst der Schein, dann das Medikament. Die Patienten sind ehrfürchtig. Man muß sie nicht bestrafen, sie gehorchen auch so. Sie glauben alles und sagen alles und tun alles, wenn es nur dazu führt, daß sie bekommen, was sie brauchen. Sie kennen ihren Gott sehr gut und würden ihn hassen, wenn sie sich das leisten könnten. Die Passanten sehen zu und denken sich das Übliche: Es gibt diese Gläubigen, man kann nichts daran ändern. Sie opfern sich sogar und sterben in einem schauerlichen Akt übertriebener Anbetung. Ihr Gott läßt sie leben, wenn sie ihm Tribute entrichten; ihr Gott ist die Suche, ist die Sucht. Er läßt sie nicht los, er läßt sie nicht gehen. Wer wagt es da noch, von Freiheit zu sprechen? Es ist Donnerstag, 12 Uhr 25 im U-Bahnschacht Yorckstraße. Die Entzündeten taumeln herbei, ihre Augen kleben an dieser einen Gestalt. Wie Insekten, die sich in einem letzten Akt totaler Hingabe in die Kerzenflamme stürzen, da sie für sie das absolute Licht bedeutet. Die glühenden Augen solcher Insekten … I’m Waiting for the Man: Er ist niemals pünktlich, er verspätet sich stets.


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