Die sprechenden Puppen

Ineinander steckend wie Matrjoschkas, die bunt bemalten russischen Puppen: die kleinste in der nächstgrößeren, bis hinauf zur größten Figur, die alle kleineren enthält. Je höherwertig die Puppe, desto mehr gleichen sich die einzelnen Exemplare. Sie wirkten ununterscheidbar, gäbe es nicht die Größenunterschiede. Die Puppen sollen Glück bringen und symbolisieren mütterliche Fruchtbarkeit. Jede einzelne Puppe ist Ebenbild. Daß die jüngste Tochter in lauter Müttern steckt, wirkt widrig. Wäre sie nicht so klein, enthielte sie ihrerseits ein Püppchen. Die Matrjoschkas wurden Ende des 19. Jahrhunderts von einem Künstler entworfen. Es war das Zeitalter der Imperien, der Entfaltung ihrer vollen territorialen, militärischen und ökonomischen Macht. Das Russische Kaiserreich stand kurz vor seiner größten Ausdehnung, der Bau der Transsibirischen Eisenbahn wurde begonnen. Sie sollte den Osten mit dem Westen des riesigen Reiches verbinden. Dazu die volkstümliche Bauernpuppe mit den vielen Müttern im Leib. Imperien und Leiber.

Dagegen Playmobil, Markteinführung 1974, industriell hergestellte Massenware aus Zirndorf, ein Systemspielzeug mit austauschbaren Körperteilen aus Plastik, die einzelnen Figuren einander gleichend wie Zwillinge: die eine ist Bauarbeiter, die andere Ritter. Zwei Jahre später gab es auch Frauen im Sortiment. Die Serie ersetzte größeres Spielzeug in der Produktpalette des Unternehmens, da Kunststoffe in Folge der Ölkrise teuer geworden waren. Uniformität der Figuren trotz wechselnder Verkleidung (Haare oder Helme). Aussage meiner Mutter aus jener Zeit: Die kaufen wir nicht – Menschen sehen nicht aus wie Maschinen. 1975 wurde der sogenannte Normenvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem DIN Deutsches Institut für Normung e.V. geschlossen. Die siebziger Jahre: Standardisierung und Rationalisierung der Arbeitsprozesse. Steigerung der Effizienz und Einführung der Zeitwirtschaft: Akkordlöhne. Der Mensch in der Produktion wird leistungsgerecht erfaßt und objektiviert.


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