Claude Simon wollte Maler werden. Was ist ein Bild? Was geschieht, wenn ein Bild sich bewegt? Aus welchen Einzelheiten besteht eine Folge von Bildern und welcher Eindruck ergibt sich aus diesem Zusammenhang des Nacheinander? Wovon ist die Rede, wenn wir von Wirklichkeit sprechen? Vermag die Erinnerung Aspekte der Vergangenheit zu erwecken? In welchem Verhältnis stehen die Formen und Farben zueinander, welche Motive wählen sich die Epochen zur Darstellung ihres Anspruchs und Stolzes? Wie wird ein Autor unbestechlich? Was bedeutet Biographie für den, der sie schreibt, für den, der sie erlebt? Claude Simon wurde Schriftsteller und Photograph. Das Nacheinander der Zeichen ist die Hauptschwierigkeit der Literatur, doch sie enthält zwei große Stärken: lenken und dosieren zu können. Das Bild dagegen wirkt totalitär, beansprucht sofort ein Ganzes und leugnet frech seinen Rahmen. Nebenan ist weiteres. Dem Bild ist die Perspektive eigen, den Sätzen der Sprecher. Wer sieht, wer spricht?
„Er ist fünfzig. Er ist kommandierender Artilleriegeneral der Italienarmee. Er residiert in Mailand. Er trägt einen Uniformrock mit Goldstickerei an Kragen und Plastron. Er ist sechzig. Er beaufsichtigt die Fertigstellungsarbeiten an der Terrasse seines Schlosses. Er ist behaglich in einen alten Militärüberwurf gehüllt. Er sieht schwarze Punkte. Am Abend wird er tot sein. Er ist dreißig. Er ist Hauptmann. Er geht in die Oper. Er trägt einen Dreispitz, einen blauen, an der Taille abgenähten Uniformrock und einen Salondegen. Unter dem Direktorium ist er Botschafter in Neapel. Er vermählt sich ein erstes Mal 1781 mit einer jungen, holländischen Protestantin. […] Im Winter 1807 leitet er die Belagerung von Stralsund in Schwedisch-Vorpommern. Er kauft ein Pferd in Friedland. Er ist ein Koloß. Er schreibt scherzhaft an einen Freund, daß er für seine kleine Statur von fünf Fuß, neun Zoll zu füllig geworden sei. 1792 wird er in den Konvent gewählt.“ (Claude Simon, Georgica, S. 19)
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