Stammtisch

Es ist so, als regiere plötzlich der Stammtisch, sagte jemand kürzlich. Es müssen recht große Stammtische sein, in den USA, in Frankreich, in den Niederlanden, in Großbritannien. Die fallen jetzt nach rechts, heißt es. Vermutlich ist es nützlich zu wissen, worüber und wie an richtigen Stammtischen gesprochen wird, in Dorf- und in Eckkneipen, in Bahnhofsgaststätten, als es die noch gab, in Betriebskantinen und Cafeterien, in Imbißbuden und Rockerkneipen, in Anarchistenschänken und Hartz-IV-Treffpunkten. Dort sitzt das Volk und spricht sich aus.

Volk sind die, die sich in der sozialen Hierarchie unten ansiedeln: Lastwagenfahrer, Lagerarbeiter, Krankenschwestern- und pfleger, Servicekräfte, Putzleute, Kassierinnen und Kassierer, Aushilfskellner, Jobvermittelte, Verkäuferinnen und Verkäufer an der Fleischtheke, im Klamottenladen, im Spätkauf, im U-Bahn-Kiosk, Handwerker, Feuerwehrleute und Rettungssanitäter – all die vielen, ohne die nichts laufen würde. Ich sehe sie morgens früh in der Bahn, wenn ich früh sein muß. Sie verdienen nicht viel, sind aber selten geizig. Klar geht die nächste Runde auf mich.

Wen sie dort nicht mögen sind jene, von denen sie annehmen, daß sie sich für etwas Besseres halten. Feine Pinkel oder Etepetete, Leute mit seltsamer Wortwahl, auffälligem Satzbau, gekünstelter Aussprache. Die ignorieren sie oder nehmen sie auf die Schippe. Verachtung andersherum. „Es gibt hier Leute im Viertel“, sagte mir eine Barfrau, „die sehen uns an, als wären wir Tiere.“ Sie meinte die Hinzugezogenen, die jungen bürgerlichen Ungebundenen, die bis mittags schlafen können und nachts bis in die Puppen lärmen, auf Englisch.

Am Stammtisch ist nicht jeder willkommen. „Wer sich gut benimmt, ist jederzeit eingeladen, sich zu uns zu stellen oder zu setzen“, sagt einer am Faßtisch, als ich zum Fußballschauen eintrete. Hertha gegen Ingolstadt. Nachrichten: von denen da oben haben sie Schnauze voll. Nun kommt Schulz, aber ob der besser ist, wird sich zeigen müssen. „Immerhin scheint er ja nen Arsch in der Hose zu haben. Außerdem hat der mal gesoffen, der weiß, was los ist“, ruft von hinten jemand.

„Die Frage ist doch, wer hier die Welt nicht mehr versteht“, sagt mein Gesprächspartner in der Halbzeit. Er ist Taxifahrer und fährt Nachtschicht. Er sagt: „Trump ist ein Idiot, aber er weckt die Leute auf. Das ist gut.“ Ich frage, ob man ihn fürchten muß. Er sagt: „Den fürchten, nein. Zur Not knallen sie ihn ab. Ist doch so.“ Und vorher? „Vorher ist jetzt.“ Er grinst. „Bleib mal locker, ist doch nur Politik.“


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